Kultur : Verborgenes bergen

Die Ausstellung „Tactics of Invisibility“ vereint Positionen türkischer Künstler aus drei Jahrzehnten

von
Geisterbeschwörung. Ayse Erkmens Installation mit Beethoven. Foto: Michael Strasser
Geisterbeschwörung. Ayse Erkmens Installation mit Beethoven. Foto: Michael Strasser

Der Titel ist schon mal großartig: „Tactics of Invisibility“, Taktiken der Unsichtbarkeit, heißt die aktuelle Schau im Kunstraum Tanas, die Arbeiten von 25 Künstlern aus der Türkei und ihrer Diaspora vereint. Taktiken, das klingt nach Kampf und Eroberung, nach General Clausewitz’ „Vom Kriege“. Unsichtbarkeit, das klingt nach Verschwinden, nach Untergrund, nach Partisanentum.

Dabei ist erst mal nicht mehr benannt als die beiden Pole, zwischen denen Kunst sich generell bewegt: Sichtbarmachung des Unbewussten, Unterdrückten, Ausgeschlossenen; und der unfassbare Rest, der vermeintliche Gewissheiten immer neu herausfordert. Das Treibholz in der Installation von Sarkis, dessen gewichtige Biografie jede Gruppenausstellung erdet, erinnert an die migrantische Verfasstheit aller Wirklichkeit.

Nasan Tur führt Selbstermächtigungen im Stadtraum ad absurdum, indem er in Berlin gesammelte Graffitisprüche so lange übereinandersprüht, bis nur eine rote Fläche bleibt. Wenn die visuelle Kultur mit Bildern und Zeichen überflutet ist und selbst die Kunst in gegenseitige Überbietung spektakulärer Positionen mündete, muss auf andere Taktiken ausgewichen werden, um noch Unterschiede und damit Bedeutung zu produzieren.

Nasan Turs zweite Arbeit „Invisible“ besteht aus zehn Fernsehern im Lagerregal, die deutsche Fassaden, Tore, Hofdurchfahrten zeigen. Nichts deutet darauf hin, dass sich dahinter Moscheen und islamische Kultureinrichtungen finden. Der Betrachter, dessen Blick an der Oberfläche abgleitet, entdeckt sich in der Position des Überwachers. Und ist Zeuge realer Camouflage mit politischem Hintergrund.

Mit der Marginalisierung religiöser Symbole beschäftigt sich auch das länderübergreifend arbeitende xurban_collective. Dessen Rauminstallation überspitzt funktionale Gebetsräume, jeder Spur von Ort und Zeit beraubt wie die Shopping Malls, in denen sie sich oft befinden. Auch das Spirituelle unterliegt der Globalisierung und einer Krise der Repräsentation.

Verblüffend die Videoinstallation von Kutlug Ataman, der türkische Schiiten, die an Wiedergeburt glauben, auf schwebenden Projektionsflächen aus ihren früheren Leben erzählen lässt. Hier ist jeder virtuoser Regisseur seiner Identität. Bei Esra Ersen durften hingegen Linzer Schülerinnen in die Rollen junger Türkinnen schlüpfen. Eine Woche lang trugen sie deren Schuluniformen und führten darüber Tagebuch. Die Zeugnisse von Unbehagen und langsamer Gewöhnung wurden auf die Uniformen selbst gedruckt und jene Instrumente der Vergemeinschaftung mit subjektiven Spuren versehen. In Ersens Installation, die auch eine Videodokumentation des Projekts enthält, hängen sie wiederum in anonymisierter Form aufgereiht wie in einer Boutique.

Was das Ganze mit Unsichtbarkeit zu tun hat? Höchst Unterschiedliches. Es gibt Arbeiten, die Gespenster beschwören (Ayse Erkmens Miminal-Decken-Installation mit Beethovens „Glück, Glück zum neuen Jahr“). Es gibt Arbeiten, die neue Spielräume für Repräsentationen eröffnen (Nilbar Güres’ artistische Travestien weiblicher Rollenbilder). Es gibt Arbeiten, die vom Zusammenhang von Blick, Architektur und Macht handeln (Inci Eviners Video-Bearbeitung eines Harem-Kupferstichs des preußischen Malers Anton Ignaz Melling); und es gibt eine Arbeit, die wirklich leicht zu übersehen ist. Es ist die formal radikalste. Cevdet Erek hat dem Galerieraum eine weitere Säule hinzugefügt. Nur wer den klappernden Lockruf wie von einer Blindenampel wahrnimmt, wird dieses Kuckucksei mit eingebauten Lautsprechern enttarnen. Eine raffinierte Mimikry, die, statt sich dem Betrachter aufzudrängen, dessen Rezeptionshaltung herausfordert.

„Taktiken der Unsichtbarkeit“: Der Titel animiert zu Auseinandersetzungen, wie sie im Katalog auch reichhaltig geführt werden. Die Kunstwerke bräuchten sie gar nicht unbedingt. Was gut so ist. Nichts muss hier das andere illustrieren, nichts sich einem starren Konzept unterordnen. Die Kuratoren Daniela Zyman und Emre Baykal reklamieren den Kunstraum als Ort gesellschaftlicher Reflexion, weniger als Galerie und Wunderkammer. Kolja Reichert

Tanas, Heidestr. 50, bis 15.1.2011, Di–Sa 11–18 Uhr

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar