Kultur : Verbotene Liebe in der Turnhalle

Das Carrousel-Theater Berlin verjüngt Lessings „Nathan der Weise“

Christoph Funke

Nichts weniger, als ein satirisches Stück – so schreibt Lessing im Oktober 1778 an den Bruder Karl über sein noch nicht ganz fertiges dramatisches Gedicht „Nathan der Weise“. Mit „Hohngelächter“ wolle er den Kampfplatz religiöser Streitigkeiten verlassen, mit Heiterkeit gegen den Dogmatismus vorgehen und auch mit einer gebührenden Portion Rührung.

Das Caroussel-Theater macht eine schwere Zeit durch. Es ist durch einen Senatsbeschluss, die Mittel zu halbieren, in seiner Existenz bedroht. Intendant und Regisseur Manuel Schöbel orientiert sich an der leichten Art Lessings, mit dem Schweren, dem Bedrohlichen, dem Schrecken und dem Terror umzugehen. Er spielt das Drama in nicht einmal zwei Stunden herunter, schnell, witzig, respektlos. Was da auf die winzige Bühne der Turnhalle neben dem Theater kommt, ist von allem Bildungsqualm entladen – von der zauberischen Melodie der meisterlich gefügten Verse und der geschliffenen Dialektik der Debatte über Vernunft und Toleranz freilich auch.

Schöbel wollte das Spiel, ein Spiel von jungen Leuten für junge Leute, und das ist ihm verblüffend gelungen. Die Schauspieler agieren barfuß, auf einer Art Wüstenteppich, beschriftet mit Chiffren internationalen Warenverkehrs. Sultanspalast und Nathanhaus sind in einem Bretterverschlag verborgen, der sich drehen kann und durch aufklappbare Wände zu wundersamen Verwandlungen fähig ist (Bühne/Kostüme: Thomas Bjornager). Die sich hier begegnen, sind allesamt einfache Leute, der Reichtum Nathans nur Staffage, geborgen in ein paar großen Stoffbeuteln, keiner macht was von sich her, und doch haben sie allesamt Ansprüche. Vorwiegend an die Liebe. Ein erotisches Knistern begleitet die Aufführung.

Daja, die Gefährtin der Christentochter Recha im Hause des Juden Nathan, hat es deutlich auf ihren Dienstherrn abgesehen. Und zwischen dem Tempelherrn und Recha schlägt das Begehren wie ein Blitz ein, reißt das Mädchen zu Boden, den Jüngling in die Höhe.

Was es für ein Unsinn ist, wenn sich so liebenswerte Leute in die Haare kriegen, um eingelernter Dogmen und blindlings übernommener Vorurteile wegen, soll in der Aufführung frisch und ungestüm herauskommen. Ringparabel und Nathans Erzählung vom Judenmord geraten dadurch ins Beiläufige. Wichtiger ist, wie die Jungen von Heute, ohne mit Auslegungen klassischen Bildungsgutes oder religiösen Spitzfindigkeiten verschreckt zu werden, mit ihrem Leben zurechtkommen. Brennende Leidenschaft, kraftvolles Selbstbewusstsein, Ehrlichkeit und nicht allzu rasche Überlegung werden empfohlen – am Ende freilich steht der Sultan da mit der Rudi-Völler-Geste der ratlosen Entsagung. Das Liebespaar, plötzlich zum Geschwisterpaar geworden, ist am Boden zerschmettert, und Nathan stiehlt sich davon. Da bleibt doch noch viel übrig zum klugen Streiten.

Berlin hat, nach dem Deutschen Theater und dem Berliner Ensemble, seinen dritten „Nathan“. Einen, der den Jungen gehört und der deutlich macht, wie unersetzlich das in seiner Arbeitsfähigkeit nach wie vor gefährdete, einer ungewissen Zukunft entgegensehende Carrousel-Theater an der Parkaue ist (Aufführungen wieder nach der Spielzeitpause).

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