Verbrecher JAGD : Die großen Schweiger

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Plötzlich war er wieder da: Tabor Süden, Friedrich Anis melancholischer Münchner Polizist, der nach einem guten Dutzend Bücher den Dienst quittiert hatte, Schluss, aus, Fortsetzung entfällt – nur um letztes Jahr wieder aufzutauchen, Detektiv zu werden und weiter verschwundene Menschen zu suchen.

Das ist natürlich unprofessionell, aber ich bin richtig gerührt, dass es jetzt schon wieder einen neuen „Süden“ gibt: „Süden und das heimliche Leben“ (Knaur, München 2012, 203 S., 8,99 €). Ist irgendwie verrückt, wenn eine Romanfigur, die man – äh, ja: – geliebt hat, verschwindet und dann zurückkehrt. (Kann nicht auch mal ein neuer „Maigret“ erscheinen?)

Die Kellnerin Ilka Senner kommt eines Tages nicht mehr zur Arbeit. Sie ist 46 Jahre alt, hat keine Freunde, kaum Verwandte, lebt allein in einer Wohnung, in der es keine Bücher gibt, keine Bilder, nichts, was eine Geschichte erzählen könnte. Ilka Senner ist einfach verschwunden, vielleicht aus eigenem Antrieb – und wieder einmal sucht Süden nach den Gründen, die „jemandem aus seinem Lebenszimmer“ treiben können. Der Ex-Polizist ist ja niemand, der viel redet, und diese Eigenschaft tritt immer stärker an ihm hervor: „Sie haben mich herbestellt, also fragen Sie mich was. Wieso sagen Sie nichts? Ist das Ihre Art, so?“, fragt ihn die Schwester von Ilka Senner. Antwortet Süden: „Ja.“ Dann Paula: „Und bringen Sie die Leute zum Sprechen?“ Und Süden: „Manchmal.“ Es wird echt zu viel geredet da draußen in der Welt. Gut, dass es Tabor Süden gibt.

Mein anderer Lieblings-Schweiger ist Hauptkommissar bei der Mordkommission in Ankara: Behzat Ç., mürrischer Kettenraucher, kein Nachname. Emrah Serber, 1981 geboren, hat ihn erfunden, und ihm in seinem Debüt „Jede Berührung hinterlässt eine Spur“ gerade mal so viel Dialog gegönnt, wie auf die Rückseite einer Zigarettenschachtel passt. „Red nicht so’n Quatsch“, das ist der Lieblingssatz von Behzat Ç.. In „Verschütt gegangen“ (Aus dem Türkischen von Johannes Neuner. Binooki, Berlin 2012, 319 S., 15,99 €.) redet Behzat Ç. jetzt gar nicht mehr. Seit seine Tochter ums Leben gekommen ist, schweigt er, raucht und trinkt dafür umso mehr – wie „ein Schauspieler, der am Ende der Stummfilmzeit keine Anstellung mehr gefunden hatte und alkoholabhängig geworden war“. Der Fall: In Ankara werden Angehörige von Polizisten ermordet und in Parks verscharrt. Was dahintersteckt – die Rache eines Mannes, dessen Vater im Räderwerk des türkischen Staats untergegangen ist! – ist hoch politisch und doch nur Nebensache. „Verschütt gegangen“ ist vor allem ein verzweifelt komisches Buch, die Antwort des Kriminalromans auf das absurde Theater. Es liest sich, als hätte Samuel Beckett einen frühen Hammett überarbeitet oder das Drehbuch für eine Folge „Kottan ermittelt“ geschrieben. Ausgebrannte Polizisten taumeln über die langen Flure des Präsidiums wie Estragon und Wladimir über ihre Landstraße, und wenn sie endlich einen Augenzeugen auftreiben, handelt es sich um einen sprachphilosophisch geschulten Straßenhändler, der Gummi-Enten verkauft. „Ist dir irgendein verdächtiges Fahrzeug aufgefallen?“– „Was meinen Sie mit verdächtig? Quak quak.“

Und dazwischen Behzat Ç., der ab und zu Ohrfeigen verteilt (in der Türkei für Polizisten kein Problem!) und „47 verschiedene Arten des Schweigens“ entwickelt hat, die die ganze Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz abdecken. Ach so, gelegentlich bestellt der Kommissar aus Ankara natürlich ein Bier. Dafür braucht man ja nur eine Handbewegung. Gut möglich, dass auch er irgendwann einfach verschwindet, wie vor ein paar Jahren Tabor Süden. Behzat Ç.. ist genau so ein Typ.

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