Verbrecher JAGD : Rächer und Psychos

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Sex und Crime liegen nahe beieinander. Das gilt auch für die Thriller von Christa Faust. Die Amerikanerin, Jahrgang 1969, hat in ihrem ersten Leben als Domina gearbeitet. Ihr Debüt „Control Freak“ spielte folglich in der SM-Szene von New York. Dann erschien der Roman „Hardcore Angel“, der nun mit „Die Rachegöttin“ (Aus dem Amerikanischen von Gerold Hens. Rotbuch, Berlin 2012, 220 S., 14,95 €.) fortgesetzt wird. Die Geschichte: Der Ex-Pornostar Angel Dare richtet in L.A. ein Blutbad unter Mitgliedern eines Mädchenhändlerrings an. Das FBI stellt Angel unter Zeugenschutz, sie kellnert jetzt in einem „gottverlassenen Wüstendiner“ in Arizona. Doch ihre Vergangenheit holt sie ein. Unter anderem, weil es Websites wie pornsighted.com gibt, auf denen Blue-Movie-Fans sich über aktuelle Aufenthaltsorte ihrer Lieblinge verständigen.

Angel Dare ist also auf der Flucht, in Begleitung eines Martial-Arts-Veteranen, der an Mickey Rourke in „The Wrestler“ erinnert: „Ich schaute hinaus auf den fast leeren Parkplatz und dachte an die Kampfsportszene und die Pornofilmbranche. Junge Männer, die darum kämpften, der Inbegriff übersteigerter Männlichkeit zu werden. Junge Frauen, die danach strebten, der Inbegriff weiblicher Reize zu werden. Ein paar wenige schafften es und wurden große Stars, aber die meisten wurden durchgekaut und ausgespuckt, verkrüppelt von Drogensucht, chronischen Schmerzen und Vaterkomplexen.“ Für meinen Geschmack ist das etwas zu korrekt. Und wenn es in einem Motel endlich mal zur Sache geht, spart Christa Faust sich auch noch die Details: „Ich schneide jetzt zu den sich bauschenden Gardinen und lasse Sie die leeren Stellen ausfüllen.“

Andererseits: Nach den ersten hundert Seiten von Matthew Stokoes „High Life“ (Aus dem Englischen von Joachim Körber, Arche, Hamburg 2012. 445 S., 19,95 €.) hätte ich eine bauschende Gardine gar nicht so schlecht gefunden. Aber von Anfang an: Jack zieht nach L.A., in der Hoffnung auf etwas Glamour. Stattdessen bekommt er einen Job bei Donut Haven. Auch seine Freundin ist kein Filmstar, sondern eine drogenabhängige Prostituierte, Karen. Eines Tages wird ihre Leiche in einem Park in Venice Beach aufgefunden – aufgeschlitzt, ausgeweidet, ohne innere Organe. Jack macht sich auf die Suche nach dem Mörder. Nicht, weil er Rache will, sondern weil er endlich einen Grund dafür hat, sich in Karens kaputte Parallelgesellschaft aufzumachen.

Also heuert er bei einem Escortservice an, um dabei zu sein, wenn in den Hinterzimmern des Santa Monica Boulevards Stars auf Stricher treffen, reiche Töchter und Junkies auf Produzenten, Psychopathen und Investmentbanker. Und hier gibt es keine leeren Stellen, die man selbst ausfüllen muss. Stokoe – ein britischer Autor, geboren 1959 – hält voll drauf. Glühende Zigaretten auf nackter Haut, Urin, Kot, Erbrochenes, Inzest, Snuff-Shows, Nekrophilie. Die Figuren in „High Life“ stehen auf die Sorte Sex, von der man lieber nichts wissen will. Und was die Handlung angeht: Man ahnt schnell, dass es in dieser Welt auch Menschen gibt, die es erregend finden, einer Prostituierten mit Chirurgenstahl zu Leibe zu rücken. „High Life“ ist echter kalifornischer Noir, die düstere Westküsten-Variante von „American Psycho“. Stell dir vor, Raymond Chandler und James Ellroy teilen sich ein Pfeifchen Crack und schreiben dabei das Drehbuch für einen Pornofilm.

Neugierig geworden? Oder schon den Staatsanwalt am Telefon? Keine Angst, dieses Buch kann man mit gutem Gewissen lesen. Augenzwinkernde Gesellschaftskritik hat Stokoe auch eingebaut - frei nach Horkheimer und Adorno, die im De-Sade-Kapitel der „Dialektik der Aufklärung“ den Übergang vom „privaten Laster“ der Aufklärung zu den „öffentlichen Tugenden“ der totalitären Körperregimes der Gegenwart beschrieben haben.

Am Ende einer brutalen Éducation sentimentale schafft Jack es mithilfe seiner neuen SM-Freunde nämlich tatsächlich ins gleißende Licht des Hollywood-Starruhms. Er bekommt seine eigene Promi-Show im Fernsehen und modelt für eine Herrenpflegeserie: „Ich werde erkannt, interviewt und gevögelt. Mein Agent versicherte mir, dass ich in zwei Jahren der neue Brad Pitt sein werde.“

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