Kultur : Verbrüderung auf hoher See

„Maritimer Abend“ im Filmmuseum zeigte politisch undenkbare Geschichten

Andrea Schneider

Dass Geschichte oft überraschende, manchmal erschreckende, manchmal erheiternde Wege geht und jeden Moment passiert, überall genau wie hier, ist Faszinosum und Fakt in einem. Und so fing auch das vorerst letzte Aktuelle Potsdamer Filmgespräch der Saison am Dienstagabend an angestammtem Platz, dem Potsdamer Filmmuseum, zwei Geschichten ein, die politisch undenkbar erscheinen und trotzdem passiert sind. Unter der Ankündigung eines maritimen Abends wurden die beiden Dokumentationen „Bis zum Horizont und zurück“ sowie „Gefangen im Bittersee“ gezeigt, beide unter der Regie des Potsdamers Jens Arndt entstanden, der Unterstützung unter anderem von Siegfried Ressel und Fayd Jungnickel erfuhr. Letzterer war bereits vor einigen Monaten mit seinem Film „Friendship“ im Filmmuseum zu Gast – seine autobiografische Aufarbeitung eines Amerikatrips kurz nach dem Fall der Mauer.

Nun stellte er sich noch einmal, zusammen mit Jens Arndt, dem Potsdamer Publikum zum Gespräch. Jungnickel, Kameramann und Produzent von „Gefangen im Bittersee“ war bei der Lektüre des Buches „Sturmflut“ auf eine unglaubliche Story gestoßen. Im Sommer 1967 waren insgesamt vierzehn Schiffe aus sieben Nationen im Großen Bittersee mitten im Suezkanal zwischen die Fronten des isrealisch-arabischen „Sechs-Tage-Krieges“ geraten. Nach Beendigung der Kriegshandlungen begann das Warten der jeweiligen Besatzungen auf eine Heimkehr, die acht Jahre dauern sollte und zu einer Solidarisierung zwischen den Seeleuten führte, die in der großen Politik undenkbar schien, denn hier verband sich der kapitalistische Westen mit dem sozialistischen Osten. Der Film, der unter anderem von Privataufnahmen mit der Super-8-Kamera lebt, fängt unglaublich emotionale Momente ein und dokumentiert eine beispielhafte und kreative Verbrüderung ungeachtet der damaligen politischen Weltpolitik.

Im Gespräch thematisieren die Macher dann sowohl die schwierige Recherchearbeit – das Ereignis blieb historisch so gut wie unbeachtet –, als auch die knappe Drehzeit und das Zusammenführen der damals beteiligten Seeleute, die teilweise bereits ein sehr hohes Alter erreicht und gesundheitlich etwas gehandikapt waren. Umso beglückender dann die erste private Vorführung im Berliner Kino Acud, die ein besonderes emotionales Moment für alle Beteiligten wird.

Ganz anders bei der Dokumentation „Bis zum Horizont und zurück“, die ursprünglich „Mauersegler“ heißen sollte und von den Machern an diesem Abend auch konsequent so genannt wird. Diese beschäftigt sich mit der zweimastigen Hochseeyacht „Berliner Bär“, die sich 1965/66, vier Jahre nach dem Bau der Mauer, beflaggt mit der Fahne der DDR, auf eine acht Monate andauernde Reise durch das Mittelmeer macht. Hier wird eine ungewöhnliche Initiative dokumentiert, die politisch brisant ist, da sich an Bord nicht nur Segler, sondern auch ein Journalist des „Neuen Deutschland“, der Dokumentarfilmer Karl Behrend sowie ein Stasi-Spitzel befinden.

Für den Regisseur Jens Arndt ist die Schlussszene besonders emotionsgeladen, denn was dem Zuschauer bereits offenbart wurde, ist den damals beteiligten Seglern noch unbekannt. Er eröffnet ihnen die Identität des Spitzels, und Überraschung und Enttäuschung stehen den Männern gleichermaßen ins Gesicht geschrieben. Dieser Moment ist an Authentizität kaum zu überbieten und vervollständigt eine Produktion, die auch hier von Interviews, privaten Fotos und Super 8-Aufnahmen lebt.Andrea Schneider

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