Kultur : Verdi: Ich bin fünf Gewerkschaften

Alfons Frese

Der Name:

Verdi ist die Abkürzung für Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft. Der Name ist Programm, denn unter dem Dach der neuen Organisation werden sowohl private als auch öffentliche Dienstleistungen angesiedelt. Verdi vertritt also Bankangestellte oder Softwareentwickler genauso wie Müllwerker oder Bundesbeamte. Als vor rund drei Jahren die Verdi-Idee geboren wurde, war auch im Gespräch, dass die Gewerkschaft der Eisenbahner, die Lehrergewerkschaft GEW sowie die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten an der Fusion teilnehmen. Doch die drei scheuten den großen Verbund und blieben allein.

Das Ziel:

Die beteiligten fünf Gewerkschaften haben in den vergangenen acht Jahren rund ein Drittel ihrer Mitglieder verloren. Mit der Fusion werden nun Ressourcen und Kompetenzen der fünf Organisationen zusammengelegt. Den Mitgliedern versprechen die Verdi-Initiatoren "mehr Service, gebündelte Kompetenz und eine höhere Qualität unserer Leistungen", was den negativen Mitgliedertrend stoppen soll.

Das Leitbild:

Verdi bekennt sich zur solidarischen Gesellschaft und zur sozialen Marktwirtschaft. Der Schutz der Arbeitnehmer, die Sicherung der materiellen Arbeitsbedingungen und schließlich die Verteidigung des Sozialstaats sind gesellschaftspolitische Ambitionen.

Die Konkurrenz:

Welche Gewerkschaft betreut welche Mitglieder in was für Branchen und Unternehmen? Der Streit zwischen den klassischen Industriegewerkschaften (IG Metall, IG Chemie, IG BAU) ist programmiert, denn alle wollen die Beschäftigten in den Wachstumsbranchen. Und das sind vor allem Dienstleister, die die Industriegewerkschaften aber keinesfalls der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi überlassen wollen. Im Streitfall soll der DGB schlichten. Doch ob das gelingt, ist fraglich. Künftig stellen allein Verdi und die IG Metall rund zwei Drittel der gesamten DGB-Mitglieder. Entsprechend werden die beiden Großen versuchen, den DGB zu dominieren.

Die Struktur:

Vielfalt als Stärke - nach diesem Postulat bekommt Verdi eine so genannte Matrix-Struktur: Vertikal gibt es die Gliederung Bund, Landesbezirke, Bezirke und die Ortsebene, horizontal werden 13 Fachbereiche gebildet. Diese Fachbereiche sind der Kern von Verdi, sozusagen 13 Gewerkschaften in einer Gewerkschaft. Fachbereich 1 umfasst beispielsweise Finanzdienstleistungen (vor allem Banken und Versicherungen), Fachbereich 5 Bildung, Wissenschaft und Forschung, und Fachbereich 12 den Handel.

Die Führung:

Als mitgliederstärkste der fünf Gründungsgewerkschaften darf die ÖTV den Vorsitzenden vorschlagen. Die anderen vier Organisationen stellen je einen stellvertretenden Vorsitzenden. Nominiert für den Chefposten ist der im November gewählte ÖTV-Vorsitzende Frank Bsirske. Bsirske ist zwar Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen, an der traditionell engen gewerkschaftlichen Bindung zur SPD wird sich aber kaum etwas ändern. Im Gegenteil: Verdi wird die Nähe zur Regierung nutzen wollen, um aktuelle Themen beeinflussen zu können. Das wird bereits jetzt deutlich in Sachen Rentenreform und private Altersvorsorge.

Die Macht:

Größe gleich Macht - diese Formel ist Leitgedanke der Fusion. Gemeinsam haben die fünf Gewerkschaften eine größere Gestaltungskraft und sind mächtiger gegenüber Arbeitgebern und Politik. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft hat rund 200 000 Mitglieder mehr als die IG Metall. Theoretisch müsste sie also einflussreicher sein. Doch es ist keineswegs sicher, ob Verdi mit "einer Stimme spricht". Vielmehr dürfte es großen Abstimmungsbedarf insbesondere zwischen den Fachbereichen und den Bezirksfürsten geben.

Die Synergien:

Die Gewerkschaften versprechen sich Kostenvorteile: Allein schon dadurch, dass künftig vier von fünf Hauptverwaltungen überflüssig werden. Doch große Einsparungen sind erstmal nicht in Sicht. Verdi startet mit insgesamt 5000 hauptamtlichen Gewerkschaftern, deren Jobs bis 2007 gesichert sind. Diese Zusage war wichtig, um den Widerstand der Funktionäre gegen die Fusion zu brechen.

Das Vermögen:

Das Reinvermögen der neuen Gewerkschaft beträgt insgesamt rund 1,6 Milliarden Mark. Den Vermögensgegenständen (Immobilien, Finanzanlagen, Betriebs- und Geschäftsausstattungen, Forderungen) in Höhe von rund 3,1 Milliarden Mark stehen Rückstellungen und Verpflichtungen von rund einer Milliarde Mark und Verbindlichkeiten von etwa 240 Millionen Mark gegenüber.

Die Leistung:

Die Kernleistung "ist die Organisation der Durchsetzung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen" der Mitglieder, wie es heißt. Im Falle eines Arbeitskampfes wird den Verdi-Mitgliedern eine Unterstützung gewährt. Ferner gibt es einen kostenlosen Rechtsschutz.

Der Standort:

Der Hauptsitz wird in Berlin sein; wo genau, soll Anfang der kommenden Woche auf dem Gründungskongress bekannt gegeben werden. Im Gespräch ist bisher der Potsdamer Platz.

Die Risiken:

Wie bei jeder Fusion stellt sich auch hier die Frage, ob die unterschiedlichen Kulturen der beteiligten Organisationen zusammenpassen. Ferner drohen aufgrund der komplizierten Struktur Reibungsverluste. Wenn aber Verdi nach dem dreijährigen Fusionsprozess nun noch über Jahre Kinderkrankheiten kurieren muss, wird eine offensive Mitgliederbetreuung und Mitgliederwerbung unmöglich.

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