Kultur : Verfolgung, Exil und Patriotismus

Dissonanzen: Wolfgang Benz porträtiert „Deutsche Juden im 20. Jahrhundert“.

Igal Avidan

Früher definierten sich viele Menschen als deutsche Juden. Ihre Welt waren die deutsche Sprache und Kultur, auch wenn sie in Prag oder Lemberg lebten. Solche Überlebende und ihre Nachfahren kannte Wolfgang Benz, der frühere Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, persönlich. Die 16 Männer und sechs Frauen, die er in „Deutsche Juden im 20. Jahrhundert“ porträtiert – manche aus nächster Nähe, andere eher distanziert – sind markante Persönlichkeiten, die exemplarisch für die deutsche und jüdische Geschichte der vergangenen 80 Jahre stehen. Es sind Geschichten von Patriotismus, Exil, Verfolgung und dem Versuch, im Nachkriegsdeutschland ein neues Leben aufzubauen.

Für Zivilcourage in der Nazizeit steht Erich Leyens aus Wesel, dessen Geschichte besonders bewegend ist. Am Tag des Judenboykotts 1933 stellte sich der Patriot und Freiwillige im Ersten Weltkrieg vor seinem Kaufhaus zwischen zwei uniformierte SA-Männer. Er trug seine Uniform mit allen Ehrenzeichen nebst Judenstern und verteilte Flugblätter, in denen er an den Anstand und die „deutsche Treue“ seiner Mitbürger appellierte. Bald umringten ihn Sympathisanten, die sein Protestschreiben in der Stadt verteilten und die lokale Zeitung lobte seinen Mut. Aber als ihm die Polizei ein Jahr später mitteilte, sie könne ihn bei Übergriffen der SA nicht mehr schützen, verließ er Deutschland.

In die Bundesrepublik zurückgekehrt war Norbert Wollheim, obwohl sein kleiner Sohn und seine Frau ermordet worden waren. Er selbst überlebte mehrere Konzentrationslager und den Todesmarsch. Der frühere Zwangsarbeiter in Auschwitz-Monowitz baute in Lübeck die jüdische Gemeinde auf und verklagte den Chemiekonzern IG Farben auf Schadensersatz für seine erbrachte KZ-Arbeit – mit Erfolg. Benz berichtet über die heftigen Reaktionen der Presse und Industrie, die jede Schuld von sich wiesen und auch noch bei der Regierung Adenauers Unterstützung fanden. So groß war die Angst vor diesem Präzedenzfall, dass man den zugesprochenen Schadensersatz (10 000 Mark) mit den Reparationslasten verglich, die angeblich zum Zusammenbruch der Weimarer Republik führten. In diesem Nachkriegsdeutschland wollte Wollheim nicht mehr leben. Er wanderte in die USA aus.

Solche deutsch-jüdischen Dissonanzen gehören der Vergangenheit an – würde man meinen. Das Kapitel über den früheren Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignaz Bubis stellt dies infrage. Der frühere Zwangsarbeiter, dessen Vater im KZ Treblinka ermordet wurde, suchte, im starken Kontrast zu seinem moralisierenden Vorgänger Heinz Galinski, den Dialog mit den Deutschen. Er solidarisierte sich mit den türkischen Opfern rassistischer Gewalt, engagierte sich in der FDP und nannte sich „deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“. Dennoch musste er sich 1998 bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels Martin Walsers Rede über die angebliche „Instrumentalisierung des Holocaust“ und den stehenden Applaus der Zuhörer anhören. Bubis sah danach seine Bemühungen um den deutsch-jüdischen Dialog als gescheitert an. Benz ist optimistischer. Er zollt Bubis seinen Respekt, wohl weil er selbst seit Jahren versucht, durch Aufklärung Vorurteile gegen Juden abzubauen. Dieses lesbare Buch ist die Ergänzung seiner Forschungsarbeit.

Wolfgang Benz: Deutsche Juden im 20. Jahrhundert. Eine Geschichte in Porträts. Verlag C.H. Beck, München 2012. 335 Seiten, 26,95 Euro.

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