Kultur : Vergesst Hänsel und Gretel!

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Von Carsten Niemann

Kinder und Jugendliche sind das Publikum von morgen. Doch sind sie auch das Publikum von heute? Wer sich in deutschen Opernhäusern umsieht, kann das nicht immer bestätigen. Sicher: Es gibt wohl kein staatliches Opernhaus, das sich nicht um die Pflege des Nachwuchses kümmern würde. Führungen, Schulbesuche durch Dramaturgen oder Vorstellungen von „Hänsel und Gretel“, dem Kinderopernhit mit der Struwelpeterpädagogik, gehören fast überall zur Angebotspalette. Doch die Qualität dieser Bemühungen unterscheidet sich oft erheblich.

Vorreiter beim offensiven Zugehen auf die Zielgruppe „Kinder“ war bisher die „Junge Oper“ Stuttgart. Doch auch an den großen Opernhäuser Berlins gibt es Bemühungen, sich an die Spitze des Trends zu setzen.

An der Deutschen Oper startete letztes Jahr das „KinderMusikTheater“. Intendant Udo Zimmermann, der als Komponist der „Weißen Rose“ selbst einen Klassiker der Jugendoper schuf, hob es als eigenständiger Bereich mit eigenem Etat aus der Taufe. Als der ehemalige Chefdramaturg des Hauses, Curt Roesler zum Leiter berufen wurde, sahen ihn manche Beobachter schon an den Katzentisch verbannt. Doch die Sparte kann sich sehen lassen: Drei Premieren, davon mindestens eine Uraufführung sowie drei weitere Aufführungen, darunter jeweils ein Gastspiel einer vielversprechenden Fremdproduktion gehören zum Angebot jeder Saison. Roesler freut sich, bei seinem Angebot, das den Schwerpunkt auf das Zeitgenössische Repertoire legt, auf gestandene Ensemblekräfte zurückgreifen zu können. „Kinder“, weiß er, „sind äußerst anspruchsvoll".

Doch Kompromisse muss auch Roesler machen: Als kindgerecht intime Spielstätte steht ihm lediglich das Foyer zur Verfügung. Und dass bei den Untiefen des Genres auch Profis stranden können, zeigte das erste Projekt: Die Uraufführung von „Merlin in Soho“ floppte aus dramaturgischen wie akustischen Gründen. Eine dramaturgisch höchst spannende Kommunikation zwischen Erwachsenen und Kindern bot dagegen das letzte Projekt der Spielzeit: In Kagels „Zählen + Erzählen“ mussten die Musiktheatermacher eine von Kindern erfundene Geschichte innerhalb von acht Tagen auf die Bühne bringen: Heraus kam ein erstaunlich poetisches und tiefes Märchen, das einen Konflikt zwischen Kind, der Elterngeneration und deren Ahnen aufspannte: Ein Beispiel, wie die Improvisationskultur der Kleinen Bewegung in die Opernwelt der Großen bringt. Spannend auch der Blick auf die Projekte der nächsten Spielzeit: Mit Gregori Frids Anne-Frank-Monodram, sowie einer Oper über ein Computerkid wird sich zeigen, ob das „KinderMusikTheater“ auch vermehrt über zwölf Jahre alte Opernbesucher zu fesseln vermag.

Das Hauptangebot von Veranstaltungen der Komischen Oper für Kinder ist nur gelegentlich szenisch: Neben selteneren Foyerproduktionen mit jungen Künstlern hat sich seit 1995 die Reihe „Musik für jedes Alter“ mit pro Spielzeit jeweils sechs moderierten Konzerten etabliert. Doch Andreas Richter, der Moderator der Reihe, lässt sich gerne vom Musiktheatervirus anstecken. So stellte er in der vergangenen Saison eine halbszenische Version des „Dschungelbuchs“ auf die Beine. Dass solche Produktionen nicht am Niveau anderer Produktionen auf der Hauptbühne gemessen werden sollten, weiß auch Richter. Die besondere Stärke der beiden Aufführungen des „Dschungelbuchs“ lag für ihn auch darin, dass hier mit dem Kinderchor der Komischen Oper Kinder für Kinder und Erwachsene musizierten - und das gleich zwei Mal vor vollem großem Haus.

Die Deutsche Staatsoper kann seit der letzten Spielzeit mit einem innovativen pädagogischen Projekt aufwarten: Dank des Fördervereins ist Rainer O. Brinkmann hier als Musiktheaterpädagoge tätig. Seine Hauptarbeit besteht in mehrstündigen Workshops für interessierte Gruppen sowie in der Fortbildung von Lehrern. Dabei setzt Brinkmann nicht auf beflissenes Vermitteln von Fakten oder Analysetechniken, sondern auf das, was die oft Jahrhunderte alten Werke unmittelbar interessant macht: das Erleben. Erst machen sich die Jugendlichen durch spielerisches rhythmisches Sprechen nebenbei mit n wie „Fiordiligi“ sowie der Musikalität von Sprache vertraut. Dann schlüpfen sie selbst in die Rolle, bewegen sich zur Musik, spielen einzelne Szenen nach. Lust und Erkenntnisinteresse durch die Identifikation mit einer Rolle (und im Konflikt mit anderen Rollen) zu wecken: das ist die Stärke von Brinkmanns Ansatz. Massen an jungen Leuten kann man so zwar nicht ansprechen. Dafür aber ein nachhaltiges Interesse wecken. Das ist wichtig bei einem Genre, das mit vielen Erlebnisangeboten konkurrieren muss.

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