Kultur : Verkehrte Welt

FRANK PETER JÄGER

Eine endlose, ockerbraun marmorierte Fläche, durchzogen von weißen Schlängellinien: Es könnte die Satellitenaufnahme einer Steppenlandschaft sein, mit Wüsten und Gebirgen, die von ausgetrockneten Flußbetten durchzogen werden. Minutenlang rätselt man, welches Material sich - jenseits der hineinphantasierten Assoziationen - hinter dem Glas des großformatigen Bilderrahmens verbirgt. Eingefärbter Sand, Packpapier, abgenutztes Schmirgelpapier . . . ? Maik Perlich offenbart das Geheimnis seiner Arbeit gerne: Es ist die Rückseite eines abgetretenen Linoleum-Fußbodens, den er in einem Sperrmüllcontainer fand. Perlich stellt seine Objekte und Installationen aus ausgedienten Zivilisationsrelikten her: alte Eisenbahnschwellen, Holzjalousien, Spiegelscherben, gußeiserne Ofenroste, Autokühler, Blechbüchsen, Hanfschnüre und Stuhlbeine. Eine Auswahl seiner Arbeiten ist ab heute in der Zitadelle Spandau zu sehen. In vielen Arbeiten gelingt es ihm, die Dinge so sehr aus ihrem früheren Zusammenhang zu lösen, daß der Betrachter sie nur noch mit Mühe identifiziert. Doch Perlich betont nicht das Desolate seiner Fundstücke. Der Zivilisationsmüll wird kunstvoll zu einer neuen, in sich geschlossen Ordnung gefügt.Perlich, geboren 1966 in Dresden, arbeitete zunächst als Schlosser, bevor er sich ab 1988 der Malerei, später der plastischen Gestaltung zuwandte. An der virtuosen Verarbeitung und Kombination seiner Fundstücke ist die Perspektive des Handwerkers ablesbar. Sein Vergnügen bei der Aneignung der Materialien teilt sich dem Betrachter mit. Der Wunsch, ihnen einen unverhofften Zauber zu entlocken, fügt selbst die sprödesten Materialien zu sinnenfreudigen Patchworks. In der Arbeit "Fänger" bettete Perlich die in viele kleine Stücke zersägten Segmente einer alten Holzjalousie so in einen von Spiegeln gerahmten Schaukasten zwischen erdbraunen Karton, Nägel und Hanfgewöll, daß die lackierten Holzstückchen darin wie kostbare Mosaiksteinchen schimmern.Das Offenliegende und das Verborgene, Hartes und Weiches sind die Gegensatzpaare seiner Materialcollagen. Andere Arbeiten beschränken sich auf einen Werkstoff und faszinieren alleine durch die realitätsentrückte Präsentation oder die Ballung unspektakulärer Objekte: Die dreißig Telefone der im Hof der Zitadelle aufgebauten Installation "den Letzten" konnte der Künstler bei der Entrümpelung der früheren SED-Zentrale in der Berliner Rungestraße abstauben. Auf den Kopf gestellt reihte Perlich sie am oberen Ende eines Rohrgerüsts zu einem Quadrat auf. Die Hörer baumeln herab und bewegen sich als Mobilé im Wind. Das Motiv der vom Menschen verlassenen, und dadurch leblos und sinnlos zurückbleibenden Zivilisationsrelikte greift Perlich immer wieder auf. Einen große Bilderahmen füllt er mit gebrauchten Bauarbeiterhandschuhen. Die weiche, buckelige Landschaft aus Lederwülsten vereint Fundstücke von zahlosen Berliner Baustellen. Ihre Verschmutzungsspuren und Verschleißstadien manifestieren aufs schönste das Leben der Dinge - und die Abnutzung auf dem Weg zum neuen Berlin. Der ironische Titel "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" wirkt etwas überflüssig, spricht doch die Arbeit für sich selbst. Perlichs Werke bieten in ihrer üppigen Materialität dem Betrachter auch ohne konzeptionellen Überbau einen reichen Assoziationsraum.

"Alte Meister - Schwellenreise", Arbeiten von Maik Perlich, Zitadelle Spandau, bis 29.8., täglich außer Montag 10-17 Uhr

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