Kultur : Verlag Volk & Welt: Das letzte Programm

Gregor Dotzauer

Es war ein Tod auf Raten. Schon im vergangenen Frühjahr bestand der Berliner Verlag Volk & Welt nur noch aus zwei Köpfen: aus Geschäftsführer Dietrich Simon und der Lektorin Christina Links. Die Büroräume in Kreuzberg waren zum größten Teil gekündigt und die Mitarbeiter von Presse, Werbung und Herstellung entlassen. Künftig sollte der Münchner Luchterhand Verlag diese Arbeiten mit übernehmen, der wie Volk & Welt dem Wirtschaftsanwalt Dietrich von Boetticher gehörte. Die Nachricht, dass Volk & Welt, einst der renommierteste DDR-Verlag für internationale Literatur, der heute noch mit Autoren wie dem Russen Viktor Pelewin oder dem Polen Jerzy Pilch die Tradition wahrt, vor dem Aus steht, kommt also nicht überraschend. Aber wie Boetticher damals beteuerte, dass sich nichts ändern werde, das war schon dreist.

Man muss nicht in den Klagegesang über das böse Kapital einstimmen, den Christina Links vor einem Jahr im Berliner Literaturhaus anstimmte, zusammen mit unglücklichen Kollegen von Rowohlt Berlin und Jochen Jung, dem geschassten Geschäftsführer des Salzburger Residenz-Verlags: Verlage sind Wirtschaftsunternehmen, ihre Eigentümer haben ein Recht auf ordentliche Bilanzen. Doch es gibt auch so etwas wie kulturelle Verantwortung für ein Unternehmen, das im Mai 1995 über die Treuhand an seinen neuen Eigentümer geriet. Und ob von Boetticher in jedem Fall ein Händchen für die maroden Unternehmen hatte, die er kaufte, nun ja: Auch die von Gruner + Jahr erworbene "Wochenpost", die renommierteste Wochenzeitung der früheren DDR, fuhr er im März 1996 nach einem guten Jahr erfolgreich gegen die Wand - in dem Moment, als ihm die Subventionen für sein Spielzeug gestrichen wurden.

Ökonomisch gebracht hat es bei Volk & Welt wohl nur Thomas Brussig mit seinen Romanen "Helden wie wir" und "Sonnenallee". Klar, dass es nichts nützt, sich dann rein literarisch mit einem Steffen Kopetzky zu schmücken - einer der Autoren, die nun das Angebot haben, bei Luchterhand weiterzuschreiben. Geschäftsführer Gerald Trageiser hält es da mit Gustav Freytag: Firmen werden gegründet, Firmen vergehen. Verantwortung könne es nur gegenüber Autoren geben, nicht gegenüber Markennamen. Er und Dietrich von Boetticher werden sich Mühe geben müssen, dass es jetzt nicht heißt, Besserwessis würden nun auch die letzten Relikte des Ostens platt machen.

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