Kultur : Vermessene Vermesser

Steffen Richter

Man kann Juri Andruchowytsch verstehen, wenn er dem Westen Heuchelei vorwirft. Aller gesamteuropäischen Rhetorik zum Trotz, klagte er verbittert in seiner Dankrede zum Leipziger Buchpreis, habe genau diese Verständigung „nicht stattgefunden“. Im Gegenteil, seinem „verfluchten Land“, der Ukraine, werde der Zugang nach Europa erschwert.

Nun startet in dieser Woche das Großprojekt „Last & Lost“ (vgl. Tagesspiegel vom 1. März) . Es besteht aus einer Münchner Fotoausstellung, einem Symposium am Literarischen Colloquium Berlin (23./24.3., Am Sandwerder 5, Zehlendorf ), einem Literatur-, Film- und Musik-Festival an der Volksbühne (24.–26.3.) und einem Buch (Suhrkamp), das ein „Atlas des verschwindenden Europas“ sein soll (Programm: www.lastandlost.com). Auf ihren Reisen durch Mittel- und Osteuropa, schreiben die Herausgeberinnen Katharina Raabe und Monika Sznajderman, sind sie auf unzählige zauberhafte Orte gestoßen. Die seien aus ihren ehemaligen Funktionen entbunden, also zur Nutzlosigkeit befreit und zu ästhetischen Gegenständen geworden – verwaiste und verwahrloste Industriebrachen, Bunker, Kuranlagen. Nun stehe zu befürchten, dass „alles Struppige, Unbegradigte, nicht Normengerechte“ verschwinden werde. „Last & Lost“ will europäische Räume, die von geschichtlichen Ereignissen wie dem Zweiten Weltkrieg oder den Jahren des Realsozialismus gezeichnet sind, im Moment ihres Verschwindens dokumentieren und ihre „Aura“ festhalten.

Neben Autoren aus Bulgarien, Kroatien oder Rumänien, aber auch aus Island, Italien oder England gehören Andruchowytsch und der Pole Andrej Stasiuk zu den prominentesten Beteiligten des Projekts. Im gemeinsam verfassten Essay „Mein Europa“ feiern sie das Elementare und eben jenen Zauber des Verfallenden und Morbiden, der so voller Poesie steckt. Kein Wunder, dass die saturierte westliche Wohlstandsgesellschaft ganz verzückt ist bei so viel Authentizität. Die Sänger der Aura aber stecken in einer Zwickmühle: Ihnen dürfte klar sein, dass es schwierig ist, den Westen zu wollen, den Osten aber zu bewahren. Ein gemeinsamer europäischer Atlas braucht noch eine Menge Kartierungsarbeit.

Denn einmal vermessenes Gelände lässt sich schwerlich wieder in den Stand kartographischer Unschuld versetzen. Das weiß auch Daniel Kehlmann . Die „Vermessungen“, die seine Protagonisten Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß auf ihrem jeweiligen Terrain vollbringen, haben das Weltbild unwiderruflich verändert. Heute (18 Uhr) liest Kehlmann im Kulturkaufhaus Dussmann (Friedrichstr. 90) aus seinem Erfolgsroman „Die Vermessung der Welt“ (Rowohlt). Die Dialektik von Vermessung und Entzauberung, die seiner Kartierung des 19.Jahrhunderts eingeschrieben ist, ist derjenigen der europäischen Osterweiterung jedenfalls sehr ähnlich.

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