Kultur : Vernebelte Horizonte

Grass und die Vertriebenenausstellung: Zündstoff für die deutsch-polnischen Beziehungen

Thomas Roser

Im Streit um Günter Grass’ späte SS-Beichte gibt sich Polens Ex-Präsident Lech Walesa immer unversöhnlicher. Wenn der deutsche Schriftsteller den Danzigern nicht die Umstände seines SS-Dienstes verdeutliche, werde er seine eigene Ehrenbürgerschaft abtreten, erklärte Walesa, der zuvor Grass zur Rückgabe dieses Titels aufgefordert hatte. Wieder einmal wogen zwischen Oder und Bug die Wellen der historischen Entrüstung. Zeigte sich Warschau zunächst über die Berliner Vertriebenenausstellung „Erzwungene Wege“ vergrätzt, sorgt nun das Grass-Bekenntis für Wirbel. Angesichts der nahenden Kommunalwahlen suchen die nationalpopulistischen Machthaber aus dem polnisch-deutschen Sommertief politisches Kapital zu schlagen.

„Schädlich“ sei die vom Bund Deutscher Vertriebenen organisierte Ausstellung, hatte Premier Jaroslaw Kaczynski bei der Eröffnung erklärt. Von der Vorsitzenden des Bundes Erika Steinbach sei für Polen nichts Gutes zu erwarten. Warschaus kommissarischer Oberbürgermeister Kazimierz Marcinkiewicz sagte gar eine geplante Berlin-Reise ab. Nach dem Historischen Museum in Warschau und mehreren Privatvereinigungen forderte nun auch Polens Küstenwache ein Exponat zurück: die Schiffsglocke des gesunkenen Flüchtlingsboots „Wilhelm Gustloff“. Man sei über die Art und Trägerschaft der Ausstellung „getäuscht“ worden, hieß es. Dass die Ausstellungsmacher bei ihren Anfragen in Warschau keineswegs ihren Auftraggeber verheimlicht hätten, versicherte dem Tagesspiegel dagegen ein damals involvierter Übersetzer.

Über inhaltliche Mängel der Ausstellung wissen die Berliner Berichterstatter der polnischen Zeitungen wenig zu vermelden. Tatsächlich sind es politische Gründe, die auch unabhängige Politiker zu kritischen Bewertungen veranlassen. Als Schau, „die den Horizont vernebelt“, kritisierte etwa der Auschwitz-Veteran und Ex-Außenminister Wladyslaw Bartoszewski die Ausstellung.

Nahezu einhellig wird in Polen das vom Bund der Vertriebenen anvisierte „Zentrum gegen Vertreibungen“ abgelehnt. Bei der Debatte um Günter Grass sind die Meinungen dagegen auch an der Weichsel geteilt: Es mehren sich Stimmen, die um Verständnis für Grass werben. Polen habe „keinen konsequenteren und uneigennützigeren Freund“ in Deutschland, sagte etwa der Solidarnosc-Veteran Adam Michnik. Die Forderung nach der Abtretung der Ehrenbürgerschaft sei „vorschnell und ungerecht“. Das SS-Bekenntnis mache ihn als Menschen „noch größer“, erklärte der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz, Jozef Michalik. Jacek Kurski, ein Danziger Abgeordneter der rechtsnationalen Regierungspartei PiS, wiederholte indes seine Forderung nach Rückgabe der Ehrenbürgerschaft: „In der Stadt, in der der Zweite Weltkrieg begann, kann ein Mitglied der Waffen-SS kein Ehrenbürger sein.“

Mit einem „Typ wie Herrn Kurski“ habe er nichts gemein, versicherte unterdessen Walesa. „Wir müssen das durchstehen,“ antwortet er auf die Frage, ob die Grass-Debatte das bilaterale Verhältnis nicht noch weiter belaste. Am Ende werde „die Logik siegen“. Als Schlichterin im Falle Grass will sich nun ausgerechnet die Erika Steinbach betätigen. Sie forderte den Schriftsteller auf, alle Erlöse aus dem Verkauf seines umstrittenen Buchs „Beim Häuten der Zwiebel“ polnischen Nazi-Opfern zu spenden.

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