Kultur : Verschiebebahnhof der Leiber

ARND WESEMANN

Nein, das sei kein Publikumsrenner.Es ist nur eines der besten Ballette, die es derzeit auf deutschen Spielplänen gibt.William Forsythe choreographierte soeben "workwithinwork" (Arbeitmittenbeiderarbeit) - der Titel klingt wie ein Schimpfwort der Frustrierten, die untertags bei Erledigung der Pflichten noch einen Auftrag dazu erhalten.Genauso ergeht es Forsythe.Zur künstlerischen Direktion des Ballett Frankfurt ist ihm die Rettung des TAT dazugegeben, außerdem wurde er neulich auf einen Lehrstuhl der Hochschule für Musik und Darstellende Künste in der Mainmetropole berufen.Forsythe schwimmt oben.Doch alles, was im Parkett sich räkelt, munkelt diesen unsäglich amerikanischen Vorwurf: "Jetzt ist der schon so berühmt, und noch immer kein Publikumsrenner." Er sei ein "Gastspielrisiko".Folglich muß er wohl Künstler sein; wo man ihm mit der Sehnsucht nach gefälligem Choreographieren nicht beikommt, stilisiert man ihn zum "Retter" von TAT und Hochschule.

Forsythes Kunst ist ein immer minutiöseres Ausmessen der Grammatik seines Balletts.Eigentlich ist er keinen Schritt weiter als vor zehn Jahren."Ich erwarte vom Publikum nicht, daß es versteht.Ich wünsche mir, daß es beobachtet, was passiert.Wahrscheinlich bedeutet Beobachten, ein Stück zu verstehen", sagte er 1988 in einem Interview.Die Erklärung, warum er kein Publikumsrenner sein kann, ergibt sich aus der Anlage seiner Arbeit.In den ewig gleichen Bonbonfarben des Kostümrepetitors Stephen Galloway sticht niemand der 21 Tänzer so einfach vor einem schwarzen Garnichts von Bühne bei immer gleichem Lichtstand hervor, niemand entsteigt so ohne weiteres den unermüdlichen Turbulenzen seiner Choreographie, diesmal nur einer und nur für Sekunden: der spitzbärtige Richard Siegal.Der Wirbelwind fegt einmal ums Bühnengeviert.Fragt nicht, wie - und wie er das macht.Ganz genau natürlich; aber wo in diesem oder jenem Augenblick sein Bein stand, als Siegals Schulter längst voraus war, und wo ein Arm noch schlenkerte, während er die Kurve kratzte, ist unbestimmt - weil so bedenkenlos schnell getanzt, daß die Augen ein zu schlechtes Instrument sind, um die Information zu verarbeiten.Siegal, der Botenstoff in dieser Ballettinfusion, verknüpft fünf verschiedene Bewegungsabläufe in einen.Wirbelwinde machen das so.Der Wirbelwind ist bei Forsythe ein Luftzug, ein Augenblick im zweiteiligen Ballettabend "workwithinwork", dem "Quartette" hinzugegeben wurde, ebenfalls ein neues Stück, im September an der Mailänder Scala uraufgeführt.Beide Stücke, "workwithinwork" von Luciano Berio und "Quartette" von Thom Willems, sind für Streicher konzipiert, mit Maxim Franke und Verena Sommer an der Violine, in "Quartette" zusätzlich Matthias Lorenz mit Cello und Kathrin Flock mit Bratsche.Ihre Musik: ein Pieksen.Ein Schneiden, nicht unangenehm, wie unter lokaler Betäubung.Zerlegt ist sie bei Willems wie bei Berio in feinste Einheiten, als zerteilten beide einen Musiksatz in Worte, manchmal in Buchstaben.Weil auch Forsythe seine Choreographien wie in Absätze, Worte, Kommata feingliedert und seine Tänzer jede Bewegung in mitunter schon manieriert leiseste Abstufungen zerlegen.Damit kommt Forsythe seinem eigenen Credo nach - der immerwährenden Variation seiner von George Balanchine her weitergeführten Ballettsprache, die er wie in linguistische Einheiten zerlegt und zusammensetzt in eine Komposition von Trios, Pas de deux, solistischen Posen, die ineinander so scheinbar mühelos vergleiten, wie das Auge sich in diesem herrlichen Verschiebebahnhof der Leiber bloß satt sehen kann, während das Hirn all die Botenstoffe eher zur Entspannung als zur "Erbauung" nutzt; Ballett steht ja eh im Ruf, gerade in der tänzerischen Perfektion den umgekehrten Effekt zur Arbeit des Tänzers hervorzurufen: die Hirnlappen in eine ruhigere Stimmung zu versetzen.

Anders als bei den Versuchen eines Handlungsballetts, dramaturgische Stimmigkeit zu erzeugen, tritt hier der Dramaturg, Steve Valk, zu Anfang selbst auf die Bühne.In einem schwarzen Projektionskasten wirft er Runen, als bestaune er das Schicksal.Die Projektion an der Wand zeigt, wie die Würfel gefallen sind, das Ballett macht sich unbekümmert an die Arbeit.Ein laokoonhafter Kampf mit dem eigenen Körper, der mal im Pas de deux erfriert, der nicht von den Händen, sondern vom ganzen Arm organsiert ist.Wie souverän ist die Arbeit Forsythes geworden? Sitzt man nur still da und schaut, entdeckt man in niemandem auf der Bühne ein Einzelwesen, sondern immer nur den Körper, fühlt man sich bald auf sich selbst zurückgebogen, ein Träumer in der Masse Mensch, die in der ausverkauften Frankfurter Oper angetreten ist.Forsythe ist doch ein Publikumsrenner.

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