Kultur : Verschleppung

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MUSIKZIMMER

Diedrich Diederichsen geht

ins Kino und fürchtet um sein Leben.

Die Berlinale ist geschafft. Aus der Perspektive des Musikzimmers bedeutet dies: die Musik ist wieder an ihrem Platz. Moderne Spielfilme sind vampiristische Maschinen, die Songs und Musik ansaugen und für ihre Zwecke einspannen. Ein Song ist wertvolle Lebenssubstanz. Hat man ihn einigermaßen trickreich in eines dieser verteufelten Film- Narrative integriert, dem Zwang zur Handlung, zur Erzählung unterworfen, ohne die heute nichts mehr geht, dann hat man all die Erlebnisse, die echte Menschen im wirklichen Leben mit diesem Song gemacht haben, entzaubert und zur Pointe degradiert. Was bei dieser Übertragung von an Musik gebundener Lebenssubstanz in tote Film-Erzählungen passiert, ist vermutlich noch verheerender als die Wirkung, die die Fotografie auf „die Seele“ so genannter indigener Völker gehabt hat, von der die Ethnologen erzählen. Die Verschleppung der an Musik gehängten Lebenssubstanz ins Kino ist seelische Grausamkeit. Es sei denn, der Film ist sehr gut. Oder, was natürlich die Regel ist, der Song schlecht genug, um uns egal zu sein.

Doch zu jeder Berlinale gehört auch eine Retrospektive und da passiert dann das Gegenteil. Ein Song oder ein anderes Stück Musik, das längst und tausendfach von Welt und Werbung totgeprügelt und leichengefleddert worden ist, kehrt an seinen angestammten Platz zurück. Diesmal gab es die New-Hollywood-Retrospektive, die darüber hinaus teilweise von 3Sat verlängert und weitergeführt wird. So dass sich die Leute die Augen (und Ohren) reiben, wenn sie zum ersten Mal erleben, dass „Born To Be Wild“ nicht von Gott und der Motorradindustrie am dritten Tag der Genesis erschaffen worden ist, sondern einen klar benennbaren historischen Kino-Ursprung hat.

Merkwürdige Musikerlebnisse begleiteten die ganze Retro: In Haskell Wexlers „Medium Cool“ lässt der verstorbene Mike Bloomfield eine angenehme, aber wenig passende Surf-Instrumental-Musik die sich langsam politisierenden, daher von Narrativität also relativ ungeknechteten Kamerabewegungen vor sich her treiben. Da gerät die Hauptfigur, kurz vor den später ausgiebig zu sehenden Chicago-Unruhen von 1968, in einen „Underground“-Club. Eine opportunistische Hippie-Band führt ihre damals schon nach Kostümfundus muffenden Klamotten vor. Aber man hört dazu fast drei ganze Stücke von den Mothers Of Invention: über dumme Hippies, brutale Polizei und das reaktionäre Amerika. Die namenlose Hippie- Band wird so geschnitten, dass man glauben muss, sie würden diese Musik aufführen, die aus ihrem Mund überhaupt keinen Sinn ergibt, aber die späteren Ereignisse des Filmes perfekt kommentiert.

Genauso überraschend, aber absolut passend dann diese Musik-Politik-Begegnung: Das Newsreel-Kollektiv, das in den späten Sechzigern unterdrückte politische Nachrichten per Vorfilm verbreitete, so wie die an ihm sich orientierenden Leute von Papertiger TV in den Neunzigern, hatte eine vierzigminütige Doku über den Streik an der Columbia-Uni gedreht. Oh, ewige Studentenrevolte: Alles sieht genauso aus wie im letzten Sommer in Berlin. Nur militanter, aggressiver. Nach reichlich internen Debatten, verschwitzten Schlafsäcken und Seminaren im Freien, spielt plötzlich mitten unter den Kommilitonen und ohne Bühne eine sehr inspirierte Psychedelic-Band: Niemand anders als – ohne Credit – The Grateful Dead, die in ihrem langen Leben zwar nie explizit ein politisches Wort gesprochen, aber wirklich bei jedem politischen Anlass umsonst aufgetreten sind. Genau hier gehört ihre Musik hin, der Film führt sie wieder zusammen.

Die größte Entdeckung: Die Soundtracks des Komponisten Michael Small, der in den Siebzigern viel mit Alan J. Pakula („Klute“, „The Parallax View“) zusammengearbeitet hat. Später machte er dann den „Marathon Man“. Seine ebenso elegante Daddel-Gelöstheit verbreitenden wie den Eindruck des musikalisch Bizarren riskierenden Jazz-Hintergründe tragen ein Meisterwerk wie Arthur Penns „Night Moves“ auf den Schwingen eines völlig vergessenen Vibraphon-Gefühls. Die um abstrakten Jazz kämpfenden jungen Leute von heute, zwischen Kammerflimmer Kollektief und Tied & Tickled Trio würden sich ihre rechte Maushand dafür abhacken. Genau zwischen Bobby Hutcherson, Andrew Hill und Olga Neuwirth. Erst 30 Jahre später löst Jan Jelinek (auf „Triosk meets Jan Jelinek: 1+3+1“) semi-elektronisch wieder diese Aufgabe, avancierten, feinmotorisch überspannten Jazz nicht nach individueller Expression klingen zu lassen. Bei Michael Small klang der neuste Jazz schon in den Siebzigern wie entspannte filmische Wolken- und Horizontbeobachtung. Er starb vor knapp drei Monaten mit 64 Jahren.

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