Kultur : Verschlossen - in seelenvoller Offenheit

WOLF JOBST SIEDLER

Im letzten Roman "Der Stechlin" von Theodor Fontane, der anläßlich seines 100.Todestages so etwas wie ein Nationalheiliger Berlins geworden ist, finden sich viele Altersweisheiten des bald Achtzigjährigen.In einem Salon unterhält man sich über den Besuch der "Uffizien", der berühmten Gemäldesammlung von Florenz, im 19.Jahrhundert eines der Ziele aller Hochzeitsreisenden.Alles sei ganz gut und schön, aber eigentlich doch nicht ganz das richtige: Immer rechts eine Himmelfahrt und links ein Höllensturz, und so Saal nach Saal.Der alte Stechlin hält es mehr mit der Stadt und mit dem Leben, in denen mehr zu sehen sei, als in allen Galerien.So ungefähr läuft das Gespräch.

Eine umfassende Erinnerung, wo nun gerade die "Gemäldegalerie" eingeweiht wird, der Neubau von Christoph Sattler, der in das städtebauliche Chaos von Scharouns "Kulturforum" Ordnung zu bringen sucht.Aber ein wenig wie dem alten Stechlin geht es dem Besucher ja, der in den Oberlichtsälen dieses Neubaus den unvergleichlichen Schätzen der Malerei vom 14.Jahrhundert bis zum 18.Jahrhundert begegnet.Aber man hat natürlich Wiedersehensfreude mit guten alten Bekannten.Dies ist ja einer der Höhepunkte der Berliner Sammlungen, und geht man der Geschichte des Wachsens dieser Sammlung nach, so begegnet man dem ganzen Reichtum der Berliner Gesellschaft der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, deren Schenkungen das damalige Kaiser-Friedrich-Museum erst möglich machten.

Es war die große jüdische Bourgeoisie von den Verlegern Mosse und Ullstein über die Unternehmer Rathenau und Oppenheim und die Bankiers Mendelssohn und Gutman; daneben dann der preußische Hochadel der Grafen von Henckel Donnersmarck, der Fürsten von Fürstenberg und der Grafen von Dönhoff.Ziemlich genau die Hälfte aller Mitglieder des Vereins, der das Museum getragen hat, das jetzt in der "Neuen Gemäldegalerie" untergebracht ist, waren Berliner Juden.Ohne das mäzenatische Berliner Judentum wäre die Sammlung niemals entstanden.Auch das bedenkt man, und nicht nur die großen Persönlichkeiten der Museumschefs.Alles verweht heute - die preußische Aristokratie, das Berliner Großbürgertum, die deutschen Juden.

Natürlich sieht man beim Rundgang nicht nur Himmelfahrten und Höllenstürze, aber zu den Höhepunkten dieser Sammlung gehören nun einmal die großen Flügelaltare mit all den berühmten Darstellungen von der Geburt und der Kreuzigung Christi, vom jüngsten Gericht und von der Auferstehung.Es sind ziemlich lückenlos alle Meister versammelt, die die deutsche Kunstgeschichte kennt, Konrad Witz mit seiner "Königin von Saba vor Salomo" aus dem Jahr 1435, Martin Schongauers "Geburt Christi" von 1480 und die "Thronende Maria mit dem Kind" eines unbekannten böhmischen Meisters, die wohl um 1350 entstanden sein wird.

Kann man ein einziges Gemälde nennen, das sich den Gedanken und Gefühlen besonders eingeprägt hat, wo sich doch ein Meisterwerk an das andere reiht? Man würde wahrscheinlich das "Bildnis einer jungen Dame" von Petrus Christus nennen, das vermutlich um 1470 gemalt worden ist, mit den Maßen 29 x 22 Zentimetern fast eine Miniatur, aber voller Geheimnisse.Sieht man richtig, daß die Verschlossenheit dieser kaum dem Kindesalter entwachsenen jungen Frau eine "seelenvolle Offenheit" offenbart, wie Henning Bock in seiner schönen Einführung schreibt?

Die kostbare Miniatur ist noch ganz in die intrikate Verschlossenheit dieser letzten Jahrzehnte des 15.Jahrhunderts eingebunden.Aber man meint doch, hier eine neue Individualität zu erkennen, von der Henning Bock vermutlich zu Recht sagt, daß diese "Psychologisierung des Dargestellten die Grenzen der früheren Standesporträts" durchbricht.Darüber ließe sich viel meditieren, aber große Kunst sprengt immer die Bemühungen der Interpretaion und bringt sich selber zur Geltung.Die Gedanken gehen am Ende in Empfindungen über.Das soll wohl so sein, denn sonst hätte der Künstler geschrieben und nicht gemalt.

Der Autor ist Verleger in Berlin

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