Kultur : Verschwiegen

Zum 80. Geburtstag des Regisseurs Joachim Herz

Jens Knorr

Senta sitzt eingesperrt in ihrem Zimmer, weit weg vom Meer. Ein Wind geht um Dalands Haus, schwillt an, Geräusch wird Musik, Senta träumt sich Richard Wagners Musik und den fliegenden Holländer herbei. Der DEFA-Opernfilm ist von 1964, und sein Regisseur heißt Joachim Herz. Bereits zwei Jahre zuvor ließ Herz seine Inszenierung an der Komischen Oper mit dem frühen, dem „harten“ Schluss, mit Tod ohne Verklärung enden. 1978 machte Harry Kupfer mit einer ähnlichen Inmterpretation in Bayreuth Furore.

Siegfried schmiedet das zerschlagene Schwert Nothung neu; ein gründerzeitliches Eisenwalzwerk setzt er zu der Maschinenmusik von Richard Wagner in Gang. Wotan wandelt zu Siegfrieds Trauermarsch durch eine Siegesallee von Reichsadlern auf pappigen Postamenten. Dieser „Ring des Nibelungen“ wurde von 1973 bis 1976 erarbeitet, am Leipziger Opernhaus, und sein Regisseur heißt nicht Chéreau, sondern Joachim Herz.

Der Regisseur Joachim Herz ist der wohl beste inszenierende Dramaturg, den das realistische Musiktheater je hatte. Er lieferte die Grundideen, die andere in die szenische Konsequenz trieben. Es liegt ihm fern, auf die Originalität seiner oder der Lösungsansätze anderer zu pochen, denn das Überzeugende müsse nicht alle Tage neu erfunden werden. Regie im Musiktheater bedeutet Verdeutlichung dessen, was der Komponist gemeint habe, für ein heutiges Publikum.

Joachim Herz hat Regie immer als „nachschöpferische“ Kunst verstanden. Durch ihn wurde nichts Ereignis, das nicht schon in der Konzeption vorgezeichnet, überwältigte keine theatralische Metapher, die klüger als der Komponist gewesen wäre. Dem Publikum blieb es verwehrt, neue ungeheure Räume zu betreten oder wenigstens einen flüchtigen Blick hineinzutun.

Der Dresdner studierte in seiner Heimatstadt auf das Höhere Lehramt, davon zwei Semester Opernregie bei Heinz Arnold, sowie in Berlin Musikwissenschaft. Er war Spielleiter an der Landesoper Radebeul, dann an der Komischen Oper unter Walter Felsenstein, dem er bei dessen legendärer „Zauberflöten“-Inszenierung assistierte. Nach Stationen in Köln und Leipzig wurde er 1976 zum Nachfolger Felsensteins an die Komische Oper berufen, eine glücklose Intendanz. Schließlich durfte er als Oberspielleiter die wiedererstandene Semperoper eröffnen. Die Kündigung des weltberühmten Regisseurs in der Nachwende belastet Dresden und ihr erstes Haus bis heute.

Joachim Herz wird heute 80 Jahre alt. Ein Platz in der Geschichte des Musiktheaters ist ihm sicher. Um welchen es sich handelt, darüber sollte gestritten werden, statt sein Lebenswerk öffentlich zu beschweigen. Es ist nicht überwunden, nur verdrängt. Seine Lieblingsfrage lautet: Wie macht man das?

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