Kultur : Verschwinden des Lesers: Käufersterben

Gregor Dotzauer

Alarm, schreit da wieder einer: Die Leser sterben aus. Und schon hört man weg. Denn die kulturpessimistische Leier vom Verschwinden des Lesers von altem Schrot und Korn ist verbraucht. Und es kostet zuviel Mühe, sich jedesmal gegen die Apokalyptiker zu verteidigen, indem man ihnen klarmacht, dass es sub specie aeternitatis zwar sicher wichtiger ist, Cicero im Original zu lesen, das Gleiche mit Stephen King zu tun aber aus vielen Gründen mehr nützt. Eiliger Nachsatz: Natürlich tut man gut daran, sich auch mit Charles Dickens, Joseph Conrad oder W. Somerset Maugham einzulassen - übrigens alles Empfehlungen aus Kings jüngstem Buch "Das Leben und das Schreiben". Warum die Warnung also diesmal ernster nehmen?

Sie ergibt sich aus einer rein demografischen Analyse. Bei Norbert Rojan, dem Leiter der Marktforschungsabteilung beim Frankfurter Börsenverein, klingt sie auch ein wenig anders: Die Käufer sterben aus! Wenn er Recht hat, nimmt die Zahl der 30- bis 40-Jährigen in Deutschland bis zum Jahr 2010 um fast ein Drittel ab. Das ist genau das Alterssegment, dem der Buchhandel seinen Hauptumsatz verdankt. Der Handel muss also sein Angebot für jüngere Leser und die über 40-Jährigen verbessern, die, so Rojan, wohl noch lesen, aber nicht mehr kaufen. Was bedeutet die mögliche Verschiebung der Käuferschichten? Gegen die gegenwärtige Erweiterung des Sortiments um Software, CD-ROMs und DVDs ist nichts einzuwenden. Wenn aber im Zentrum der Kultur nach wie vor das Buch steht, das sich nicht bestimmten Altersgruppen zurechnen lässt, muss die Vermittlerrolle jemand anders übernehmen. Die Rolle der Schulen, Universitäten und Bibliotheken wird immer wichtiger. Daraus ergibt sich auch, dass der Abstand zwischen Buchkritik und Buchhandel weiterhin wachsen wird. Denn so wenig die Kritik die Marktverhältnisse ignorieren darf, so wenig ist es ihre Aufgabe, diese Verhältnisse einfach abzubilden.

Noch ist alles Spekulation. Nur einen Nebenaspekt sollte man schon jetzt mal ausführlich bedenken: Für wen schreibt das deutsche Buben- und Fräuleinwunder, von dem im Augenblick auch die Buchhandlungen profitieren, in zehn Jahren? Die gleichaltrigen Käufer sind dann weg. Bleiben Kinder oder Greise.

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