Kultur : Versetzt, vernichtet, vergessen Wiederentdeckung

eines Staatskünstlers: Zwei Ausstellungen würdigen den Bildhauer Reinhold Begas

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Foto: Theodor Hilsdorf
Foto: Theodor Hilsdorf

Helden stürzen, Ruhm zerbröselt. Ein paar Mosaiksteinchen, zwei, drei Granitfragmente und eine Bronzehand in dreifacher Lebensgröße. Mehr ist – außer vier in den Tierpark Friedrichsfelde geretteten Metall-Löwen – nicht übrig geblieben vom einstmals größten Monument im Berliner Stadtbild. Zerfallsprodukte der Geschichtspolitik. Die Hand hielt ursprünglich einen Palmwedel und gehörte zu einer Victoria-Figur, die Kaiser Wilhelm I., den Sieger über Frankreich im Krieg von 1870/71, auf seinem Triumphritt in die Unsterblichkeit begleitete. Jetzt liegt sie in einer Vitrine im Deutschen Historischen Museum (DHM), dahinter spannt sich eine Fototapete mit einer schwarz-weißen Ansicht des Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals an der Berliner Schlossfreiheit, die den Größenwahn einer ganzen Epoche erahnen lässt.

Die von einer Säulenhalle gerahmte Anlage war 78 Meter breit und 40 Meter tief, das Reiterdenkmal erhob sich auf eine Höhe von 21 Metern über Straßenniveau. Derlei Maße galten den Zeitgenossen als angemessen für einen Herrscher, den sie als „Wilhelm den Großen“ oder, wegen seines imposanten weißen Bartes, „Barbablanca“ verehrten. Als sein Enkel Wilhelm II. das Denkmal 1897 einweihte, war der gesamte europäische Hochadel anwesend, und selbst die Dächer der umliegenden Häuser waren mit Schaulustigen gefüllt. 1949/50 ließen die Sowjets den Bronzekaiser abräumen, ein Vorgriff auf die Sprengung des benachbarten Schlosses. Fotos zeigen den Kopf des Potentaten, der an Seilen durch den Berliner Himmel schwebt. Good Bye, Willi. Nur der in den Spreekanal ragende Sockel hat sich erhalten. Er soll zum Standort eines umstrittenen Einheitsdenkmals werden.

Der Ruhm von Wilhelm I. ist längst verblasst und der Schöpfer seines Denkmals vergessen. Dabei war Reinhold Begas einer der bekanntesten und produktivsten Bildhauer des Kaiserreichs. Sein Gesicht prangte auf Kaffee- und Zigarren-Werbung, und die „Berliner Illustrierte“ feierte ihn 1898 als „bedeutendsten Deutschen des ausgehenden Jahrhunderts“. Zum Verhängnis wurde dem Hofkünstler seine Nähe zu den Hohenzollern. Seine Großskulpturen wurden im 20. Jahrhundert aus unterschiedlichsten ideologischen Gründen vernichtet, verschoben oder verändert. Schon die Nationalsozialisten versetzten sein Bismarckdenkmal vom Reichstag an den Großen Stern, weil es ihren „Germania“-Planungen im Weg stand. In der DDR wurde das Monument von Kaiser Wilhelm I. zerstört, der Neptunbrunnen aus dem Schlosshof aber verschont. Und im Westen ließ man 1954 die als „Puppen“ verspotteten preußischen Herrscherfiguren der Siegesallee im märkischen Sand vergraben, wie Tote.

„Berlin ist ein großes Schachfeld, auf dem Skulpturen hin- und hergeschoben werden und manchmal auch vom Feld fliegen“, sagt DHM-Direktor Hans Ottomeyer. „Begas – Monumente für das Kaiserreich“, heißt die Ausstellung, mit der sein Haus das Werk des Bildhauers wiederzuentdecken versucht. Zu sehen sind 230 Exponate, von der Skizze bis zur Pan-Figurengruppe, es ist die erste Begas-Schau seit hundert Jahren. Gleichzeitig zeigt das Kolbe-Museum eine Ausstellung mit Fotos von Begas und seinen Werken, die dessen ungeheure Popularität bezeugen. Postkarten wie die, auf der Skulpturen von Kaiser Wilhelm II. und seiner Frau zur Silberhochzeit aneinandergerückt sind, waren hunderttausendfach verbreitet.

Die DHM-Kuratorin Esther Sophia Sünderhauf sieht Begas „künstlerisch auf gleicher Höhe“ mit seinen preußischen Vorläufern Schlüter, Schadow, Rauch und greift dabei ein wenig hoch. Doch die Ausstellung wartet tatsächlich mit einigen Überraschungen auf. So hat der Mann, dessen Name zum Inbegriff einer allzu servilen Staatskunst werden sollte, seine Karriere als Rebell begonnen. 1831 in Schöneberg als Sohn des Hofmalers Carl Joseph Begas geboren, absolviert er eine Ausbildung bei seinem Paten Christian Daniel Rauch an der von Johann Gottfried Schadow geleiteten Berliner Akademie. Ausgerechnet von der „stillen Größe“ ihrer klassizistischen Ideale wendet er sich dann ab 1856 während eines Rom-Aufenthalts ab, wo er in der Auseinandersetzung mit Michelangelo zum Begründer der neobarocken Bildhauerkunst wird.

Begas’ frühe Skulpturen von badenden Mädchen oder mit ihren Kindern spielenden Müttern bestechen durch ihren Realismus. Die Beschaffenheit der Haut ist akribisch wiedergegeben, der kalte Marmor scheint lebendig zu werden. 1865 zurück in Berlin, steigt Begas zum gefragten Porträtisten der wilhelminischen Gesellschaft auf. In der Ausstellung stehen sich zwölf Büsten von Honoratioren wie dem Philologen Boeckh, dem Bildhauer Wichmann und dem Bankier Mendelssohn gegenüber, wie zum Salongeplauder. Gleich daneben gibt eine Vitrine den Blick in die Serienproduktion der Bildhauerwerkstatt frei: Bismarck, der „eiserne Kanzler“, war als Skulptur in allen Größen zu haben, in Bronze, Marmor, Gips oder Meißner Porzellan.

Begas hatte sich dem preußischen Herrscherhaus selber angedient, klagte aber, als er 1866 den ersten Großauftrag erhielt, über sein „langweiliges“ Schillerdenkmal für den Gendarmenmarkt. Verherrlichung war nun gefragt, nicht mehr bewegte Lebendigkeit. Wilhelm II. griff als Auftraggeber selbst in Details der Ausführung ein, bis hin zum Sitz eines Kragens. In der Ablehnung der „Arme- Leute-Kunst“ (Begas) des Naturalismus waren sich Kaiser und Künstler einig. Trotzdem fiel Begas bei Hofe in Ungnade, nachdem der unter seiner Oberhoheit entstandene Skulpturenpark der Siegesallee von den Kritikern verrissen worden war. Verbittert starb der Bildhauer 1911. In den „Lustigen Blättern“ ringt Begas 1902 als Prometheus mit dem Adler der Sezession. So enden Rebellen oft: als Karikatur.

DHM, bis 6. 3., tgl. 10–18 Uhr. Der Katalog (Sandstein Verlag) kostet 34 €. Georg Kolbe Museum, bis 16. 1., Di–So 10–18 Uhr.

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