Kultur : Verteidigung des Käsekuchens

Sein Humor veränderte die Republik: zum Tod des Zeichners und Autors F. K. Waechter

Gabriele Killert

„Ich bin in einer Glückshaut geboren. Wenn das so weitergeht, wird noch die Königstochter meine Frau“, freut sich der Knecht in F. K. Waechters Version vom Teufel mit den drei goldenen Haaren. Der König und der ganze Hofstaat trauen ihren Ohren nicht, nur die Königstochter ist ganz aus dem Häuschen, als sie den feschen Burschen sieht: „Was für ein schöner, lustiger Mann.“ Und natürlich werden die beiden am Ende ein Paar.

Wie schaffen das die kindlichen Helden in Waechters Märchen, der alberne Hans oder Max oder Plip oder Kiebich? Wie machen sie ihr Glück gegen alle garstigen Widerstände? Ganz einfach: Sie lieben das Leben, die „schöne zwitschernde Welt“. Niemals würden sie ihr ursprüngliches Gefühl einem ehrgeizigen Kalkül opfern. Sie stellen keine Bedingungen, sie feilschen nicht. Sie tun einfach das Richtige, das ihnen Gemäße. Und immer überwinden die Liebe, die gute Laune und das Vertrauen am Ende alles Schwierige. Waechters Theaterstücke, die seit Jahrzehnten landauf, landab Kinder aller Altersklassen bezaubern, haben eine ganz unaufdringliche Botschaft: Anstiftung zur Empfindsamkeit und zu heiterem Selbstvertrauen.

Geboren wurde Friedrich Karl Waechter als Sohn eines Lehrers in Danzig. Nach der Flucht kam er 1945 mit seiner Familie nach Schleswig-Holstein, machte in Hamburg eine Ausbildung zum Gebrauchsgrafiker. Was für ein schöner, lustiger Mann, riefen alle Königstöchter dieser Republik, als F.K. Waechter Anfang der Sechzigerjahre in der Satirezeitschrift „Pardon“ auf den Plan trat – die Geburtsstunde der „Neuen Frankfurter Schule“. Dem Teufel die drei goldenen Haare abzuluchsen, mag eine schier unerfüllbare Aufgabe sein. Im deutschen Humorverständnis aber so etwas wie eine kleine kopernikanische Wende herbeizuführen, da musste man auch in einer Glückshaut geboren sein. Bis dahin war die Komik ja eine Scheibe: ziemlich flach und begrenzt. Mit Waechter als Cheflayouter ging’s dann rund. Er schuf das Pardon-Logo: jenes kleine boshafte Teufelchen, das seinen Hut lüpft.

Aus diesem Hut zauberte er eine ganze Enzyklopädie des Komischen. Wilde Slapsticks des Scheiterns. Amokläufe der Liebe, Szenen aus dem beschädigten Eheleben: „Ein Riss ging durchs Zimmer und rettete den Abend.“ Auch knisternde ödipale Dramen auf der Freud’schen Couch: „Ich halte mich für meinen Sohn, und mein Sohn hält mich für seine Mutter.“ Verkehrte Welten. Winzige Schnapsgläschen triumphieren über große Trunkenbolde, Riesenmütter in Turnhosen wollen Fußball spielen und balancieren kleine Männlein auf den Knien. Traumatische Szenen spielen sich ab. Mütter quälen ihre Söhne, Männer ihre Frauen, Brüste ihre unstillbaren Liebhaber. Nie aber geschieht dies bei Waechter: Bilder quälen das Auge ihres Betrachters. Viele der Bildergeschichten, Bleistiftskizzen, Tusch- und Federzeichnungen, die Waechter im Lauf der Jahrzehnte zu Papier brachte, sind auf Deubel komm raus blasphemisch und obszön. Da ließ er auch an geschlechtlichen Ridiculitäten – wie Roland Topor – nichts aus. Und doch wird man bei ihm nichts Plumpes, nichts Hässliches oder Gemeines finden. Sobald er Feder oder Stift ansetzte, verwandelte sich alle Missgestalt in philantropische Heiterkeit der Linie, die erzählt, Tschechow’sche Einakter in weitestgehend arabesker Verknappung. Das heißt, ohne die Dinge rüde ins Abstrakte wegzustilisieren – wie eine ganze Karikaturisten-Generation vor ihm. Waechter stilisiert sie lieber herbei mit Lust an den physiognomischen Details des Dramatischen, an einer exquisiten zeichnerischen Modellierung des komischen Effekts. Und das Schwein verlangt nach Käsekuchen.

Wer das Prinzip Übermut bzw. Nonsense jederzeit dem Prinzip Hoffnung vorzieht, der muss sich in Waechters Komik heimisch fühlen. Nichts dient hier unmittelbar der politischen Ertüchtigung, alles der Erziehung zur Frechheit, zum Ungehorsam, zum freibeuterischen Recht auf Glück. Waechters Welt ist voller „glücklicher Stunden“, voller rauschhafter Momente der Lebensfreude, etwa wenn „die Hosenwelle“ gelingt oder die Kür der „11 Stellungen der Selbstbefriedigungen beim Mann“ oder wenn Liebespaare in luftiger Höhe levitieren. Dann wird Erdenschwere nachhaltig vernichtet. Das Wunderbare, schöner alter Kraftausdruck der Romantik, tritt bei Waechter – ganz wie E.T.A. Hoffmann forderte, „keck ins gewöhnliche Leben“. Nicht nur, wenn Gott plötzlich bei den Döbels hereinschneit. Auch wenn der Sensenmann von einem dicken Kerl in einem Kahn lachend aufgefordert wird, ihn irgendwohin zu rudern. „Is egal wohin, Hauptsache is was los.“ Gestern ist F. K. Waechter im Alter von 67 Jahren in Frankfurt am Main an Lungenkrebs gestorben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben