Kultur : Verteidigung des Pessimismus Zum Tod des italienischen Philosophen Norberto Bobbio

Gian Enrico Rusconi

„Adieu Bobbio, Meister des laizistischen Zweifels“. „Bobbio, Intellektueller des anderen Italiens“: Mit solchen Schlagzeilen erinnerten die italienischen Zeitungen gestern an den wichtigsten italienischen Philosophen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In der Tat: Bobbio kritisierte unermüdlich die italienische Gesellschaft und engagierte sich für ein „anderes“, liberaleres, solidarischeres, weltlicheres Italien.

Norberto Bobbio, Schüler der politischen Philosophie von Hobbes, Marx, Kelsen und den klassischen Denkern der Demokratie, war selbst Lehrer und Meister: Er prägte Dutzende von Universitätsdozenten . Vor allem aber war er der kämpferische Intellektuelle einer liberalen Linken und Sozialdemokratie, der sich auf den Antifaschisten Piero Gobetti und den Kommunisten Antonio Gramsci berief.

Bobbio hatte in der Resistenza gekämpft, eine Erfahrung, die er als politisches Zeugnis weitertrug – auch auf polemische Weise. Die Tradition des Widerstandes, die Werte der Freiheit und Solidarität sah er immer als Fundament und Maßstab einer italienischen Demokratie, die regelmäßig „revisionistischen" Attacken ausgesetzt war und ist. Nicht ohne Grund sah er sie in all ihren Phasen immer als mangelhaft an: Mit strengem Blick konfrontierte er sie mit den unerfüllten Versprechen der Resistenza. Bobbios Kritiker warfen ihm deshalb Einseitigkeit vor: Er kritisiere den (italienischen) Kommunismus nur theoretisch, habe ihn in der Praxis aber legitimiert und die spätere demokratische Wandlung der italienischen Kommunisten begleitet, ohne von ihnen eine radikale Selbstkritik zu verlangen. Daran ist einiges wahr – aber diese Kritik leidet an der simplen Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus.

Zu Beginn der Neunziger machte Bobbio im Gegensatz zwischen Kommunismus und Faschismus das Legitimationsproblem der italienischen Demokratie aus. Mit seltenem Optimismus fragte er sich jedoch, ob Italien nicht auf dem richtigen Weg sei, indem es diesen Gegensatz zugunsten einer reiferen Sicht der Demokratie aufgebe. Dazu ist es dann leider nicht gekommen.

Dass Antifaschismus und Demokratie nicht gleichzusetzen sind, ist kein neuer Gedanke. Aber diese Unterscheidung machte es möglich, sich vom nichtdemokratischen, kommunistischen Antifaschismus zu befreien, ohne den Antikommunismus zur Grundlage der Republik zu machen, deren Existenz sich ja auch dem Kampf der Kommunisten verdankte. Auf dieser Linie hat Bobbio sich bewegt. Auch wenn er den Wert anderer „Antifaschismen“, besonders den katholischen, nur widerwillig anerkannte.

Eine bis heute folgenreiche Debatte, spitzt sich die Polemik doch häufig auf die Auseinandersetzung zwischen den Anhängern Bobbios und denen von Renzo De Felice zu, dem mittlerweile verstorbenen Historiker des italienischen Faschismus. In Wahrheit haben sich Bobbio und De Felice nie richtig verstanden. Es liegt etwas Tragisches und Symptomatisches in diesem gegenseitigen Unverständnis, auch wenn es von Respekt gekennzeichnet war. Bobbio fürchtete, der „Defelicianismus“ untergrabe die Werte, auf denen die Resistenza gegründet wurde. De Felice fürchtete, dass der „Bobbismus“ die Realität einer komplexen Nationalgeschichte für eine radikalsozialistische Ideologie opfert. Was sie verband, war ihr politischer Pessimismus.

Zwar wurde Bobbio schon 1984 zum Senator auf Lebenszeit ernannt – eine hohe politische Ehrung. Aber seine Beziehungen zur Politik waren dennoch nie glücklich. Er musste er den Niedergang der „Ersten Republik“ mit ansehen; 1992 kandidierte er sogar für das Präsidentenamt – ein letzter Versuch, die politische Explosion zu kontrollieren, die zum Berlusconismus führte. Noch einmal erhob Bobbio seine Stimme gegen die manipulatorischen Formen einer Politik, die zum Schauspiel geworden war, und gegen die Konzentration der Macht in den Händen von Berlusconi. Dann hüllte er sich in Schweigen.

2000 wurde Norberto Bobbio der HegelPreis verliehen. Er erinnerte daran, dass der große deutsche Philosoph die Geschichte „ein einziges Schlachthaus“ nannte. Bis jetzt, so Bobbio, habe er damit Recht behalten. Am Freitag ist der 94-Jährige in Turin gestorben.

Der Autor ist Professor für Politikwissenschaft in Turin. – Aus dem Italienischen von Clemens Wergin

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