Kultur : Verwende deine Jugend

Titos Heimkino, ein Herz für Angelina Jolie – und die alte Angst vor Scharfschützen. Newcomer und junge Themen beim Filmfestival in Sarajevo

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Auf dem Trip. In „Fleke“ taumeln zwei Mädchen durch das nächtliche Zagreb. Foto: Festival
Auf dem Trip. In „Fleke“ taumeln zwei Mädchen durch das nächtliche Zagreb. Foto: Festival

Tito war Filmfreak. Jeden Abend schaute er zusammen mit seiner Frau Jovanka Spielfilme, die sein persönlicher Vorführer Aleksandar Leka Konstantinovic auf die hauseigene Leinwand projizierte. In den 32 Jahren, in denen Leka diesen Job für den jugoslawischen Präsidenten ausführte, waren es 8801 Stück – er hat genau Buch geführt. Und Tito hat genau hingeschaut. Als Leka einmal keinen neuen Film auftreiben konnte, zeigte er einen alten. „Den haben wir schon gesehen“, sagte Tito prompt. „Vor fünf Jahren.“ Leka schaute in sein Verzeichnis, es stimmte.

Für Mila Turajilics Dokumentation „Cinema Komunisto“, die im Dokumentarfilm-Wettbewerb des diesjährigen Sarajevo Film Festivals zu sehen war, hat der alte Herr die Liste noch einmal hervorgeholt und sich an früher erinnert. Leka ist die Hauptperson in dieser akribischen Chronik des jugoslawischen Kinos, die nebenbei auch Chronik eines untergegangenes Landes ist. Das nur auf Zelluloid und in den Köpfen der älteren Menschen weiterlebt. So mischt sich sanft ein melancholisch-jugonostalgischer Ton in diesen sehenswerten Film.

Damals fand das glamouröseste Filmfest Jugoslawiens in der Arena des kroatischen Pula statt, wo Tito jeden Sommer Hof hielt. Es existiert immer noch. Allerdings hat es seinen Rang schon lange eingebüßt: Das wichtigste Filmfestival der Region findet jetzt in Sarajevo statt – in diesem Jahr zum 17. Mal.

Der Schwerpunkt liegt auf Produktionen aus der Region, wobei der diesjährige Spielfilm-Wettbewerb vor allem auf Newcomer und junge Themen setzte. Von den acht Filmen waren sechs Debüts. Und mit einer Ausnahme drehten sich alle Werke um Kinder oder junge Erwachsene, meist in Form sozialrealistischer Dramen. Herausragend der griechische Beitrag „Wasted Youth“ von Argyris Papadimitropoulos und Jan Vogel, der einen Athener Sommertag aus der Perspektive eines 16-jährigen Skaters und eines mittelalten Polizisten zeigt. Der Film pendelt zwischen der rebellischen Unbeschwertheit der Jugend und der Agonie des Alters, ein spannendes Gesellschaftsporträt am Vorabend der Mega-Krise Griechenlands. Nicht zufällig treffen sich die Skateboarder unterhalb des Syntagma-Platzes vor dem Parlament – dort, wo derzeit immer wieder demonstriert wird.

Wasted Youth: verschwendete Jugend, kaputte Jugend. Das stand wie ein Motto über dem Wettbewerbsprogramm. So schickt der kroatische Regisseur und Drehbuchautor Aldo Tardozzi in seinem Debüt „Fleke“ zwei 17-jährige Mädchen auf einen wilden Trip durch das nächtliche Zagreb. Unterwegs gibt es Mord und Totschlag, Vergewaltigung und Diebstahl, Rockmusik und Entzugserscheinungen. Nicht minder heftig geht es in „Atmen“, dem Regiedebüt des österreichischen Schauspielers Karl Markovics zu: Der 19-jährige Häftling Roman entscheidet sich während seiner Freigängerzeit, in einem Wiener Bestattungsinstitut zu arbeiten. Bei der Arbeit mit den Toten findet er nach einer langen Phase der Verweigerung und Apathie zurück ins Leben.

Das Drama war schon in Cannes bei der Quinzaine des réalisateurs ausgezeichnet worden und gewann am Samstag auch das „Herz von Sarajevo“, den Preis für den besten Film. Hauptdarsteller Thomas Schubert wurde zudem zum besten Schauspieler gekürt. Den Preis überreichte ihm Angelina Jolie, die überraschend mit Brad Pritt zur Abschlusszeremonie ins Nationaltheater gekommen war. Seit sie letztes Jahr in Bosnien an ihrem Regiedebüt „In The Land of Blood and Honey“ gearbeitet hat, fühlt sie sich dem Land verbunden. Obwohl es um den Film, der während des Krieges spielt, seitens der Opferverbände einige Aufregung gab, wurde Jolie sehr herzlich empfangen. Festivaldirektor Mirsad Purivatra überreichte ihr ein Ehren-Herz.

Filme aus Bosnien und Herzegowina, die 2010 noch stark im Spielfilm-Wettbewerb vertreten waren, fanden sich dort diesmal überhaupt nicht. Dafür waren sie zahlreich in den Nebenreihen. Das größte Publikum fand die Premiere von „Orkestar“. In der Doku macht sich Regisseur Pjer Zalica zusammen mit dem Musiker Sasa Losic auf die Spur von dessen Band Plavi Orkestar, die im Jugoslawien der achtziger Jahre eine mit Take That vergleichbare Hysterie entfacht hatte. Leider verliert sich Zalica im Material: Er führte rund 80 Interviews – teils mit abseitigen Personen –, die auch alle in dem einfallslos montierten Film vorzukommen scheinen.

Ansonsten drehten sich die bosnischen Filme häufig um den Krieg und seine Folgen. In Selja Kamerics „1395 Dana bez Crvene“ bewegt sich eine Frau durch das heutige Sarajevo, als läge die Stadt noch immer unter serbischem Beschuss. Sie duckt sich vor imaginären Scharfschützen und rennt im Zickzack-Kurs durch die Straßen. Genauso huschen die Protagonisten der Doku „Ljubav prema Knjigama“ durch die bosnische Hauptstadt: Der Brite Sam Hobkinson rekonstruiert darin die zweimalige Evakuierung von wertvollen Handschriften aus der Gazi-Husrev-Beg-Bibliothek. Die Mitarbeiter verpackten die Schätze in Bananenkisten und brachten sie zu Fuß in Sicherheit.

Das Filmfest selbst war während der fast vier Jahre andauernden serbischen Belagerung Sarajevos gegründet worden. Zur Eröffnung 1995 lief Jafar Panahis Debüt „White Balloon“. Der seit Monaten in Teheran auf sein Berufungsverfahren wartende Regisseur wurde in Abwesenheit mit einem Ehren-Herz ausgezeichnet. In einem Brief beschreibt er seinen gegenwärtigen Schwebezustand als genauso schlimm wie Gefängnis.

Zum ersten Mal persönlich auf dem Festival war Wim Wenders, dessen Filme hier regelmäßig liefen. Er brachte seine 3D-Produktion „Pina“ mit und unterrichtete auf dem Talent Campus, der zum fünften Mal in Kooperation mit der Berlinale stattfand. Auch sonst gab es einige Verbindungen zu den Berliner Filmfestspielen. So war der Wettbewerbsfilm „Amnestija“ ein Highlight des diesjährigen Forumsprogramms, Seyfi Teomans „Our Grand Despair“, der seine Premiere im Berlinale-Wettbewerb hatte, lief in einer Nebenreihe und Béla Tarr bekam für sein „Turin Horse“ (Großer Preis der Berlinale-Jury) eine Gala-Vorführung. Der 55-jährige ungarische Regisseur bekräftigte, dass dies sein letzter Film sei. Seine Fußspuren sind riesig – doch am Balkan steht talentierter Nachwuchs bereit.

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