Videoporträts : Der Tag der Eule

Bestechend: Videoporträts Videoporträts bei Thomas Schulte und in der Kunsthalle Koidl.

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Hommage an Buster Keaton. Steve Buscemi von 2004. Foto: Bob Wilson, Thomas Schulte, Berlin

Kaltes Neon-Licht, Operationssaal-Atmosphäre. Im Zentrum ein blutiger Brocken Fleisch, zentnerschwer, frisch aus dem Schlachthof von New York. Der Butcher trägt weiße Schürze, Blutflecken darauf, die Füße unterm Tisch trappeln nervös, das Gesicht bleibt maskenhaft starr. Irgendwann bricht ein irres Lächeln durch, Sekunden nur. Eine Mischung aus Buster Keaton und Francis Bacon strebte Robert Wilson an, für sein Porträt des Schauspielers Steve Buscemi. Eine Künstlichkeit, die Komik erzeugt.

Eine Grenzüberschreitung: Theatermann, Designer, Zeichner, Bühnenbildner, Schauspieler, Künstler, all das ist Bob Wilson, in Berlin bekannt für seine Inszenierungen von „Leonce und Lena“, der „Dreigroschenoper“ und Shakespeares Sonetten, die er 2009 mit Rufus Wainwright am Berliner Ensemble interpretierte. Seit fünf Jahren hat er sich auf das Genre des Videoporträts verlegt, über 150 Arbeiten sind entstanden, waren bei Phillips & de Pury in New York zu sehen und unlängst in größerer Auswahl in der Sammlung Falckenberg und der Kunsthalle in Hamburg. Nun hat die Galerie Thomas Schulte daraus eine kleine Auswahl zusammengestellt, parallel sind bald auch in der Kunsthalle Koidl in Charlottenburg einige Arbeiten zu sehen.

Porträtkunst zwischen Theater, Videokunst und Film, das passt perfekt zur Berlinale, die sich seit fünf Jahren mit dem Forum Expanded den verwischenden Grenzen zwischen den Genres widmet. Doch anders als im vergangenen Jahr sind im offiziellen Forum-Begleitprogramm diesmal nur wenige Galerien zu finden, auch Thomas Schulte, der 2009 mit Katharina Sieverding teilnahm, ist diesmal außen vor. Zu arriviert, zu bekannt sind die Wilsonschen Positionen. Das speziell der experimentellen, jungen Kunst gewidmete Forum setzt auf jüngere Namen, und auf Reduktion

In der Tat: Es ist ein Dejà-vu. Auch in seinen Videoporträts spielt Bob Wilson mit Licht und Farbe, mit Slow Motion, minimalen Veränderungen, unterlegt mit Text und Musik. Und das Ganze in bestechend scharfen High-Definition-Bildern. Ist nicht auch seine Theaterarbeit im Rückblick eigentlich schon immer digital gedacht gewesen, mit seinen aus Licht und Schatten gebauten Bühnen? Nur konsequent, dass der Meister zuletzt begonnen hat, in 3D zu experimentieren. Irgendwann, so der Traum, sollen die Bühnenwelten und die Videowelten zu einer Einheit verschmelzen. Die flüchtige Welt des Bob Wilson, sie war schon immer auf Ewigkeit angelegt.

Doch nicht nur ästhetisch wirken die Arbeiten wie eine Bilanz. Hier finden sich Laien, mit denen Wilson schon früh am Theater arbeitete, wie der Automechaniker Norman Paul Fleming, den Wilson entdeckte, als er ein Auto reparieren lassen wollte. Nun sitzt er fast reglos am Tisch, die Hände auf der Tischplatte ausgestreckt wie Picasso auf einer berühmten Fotografie, im Blick eine Mischung aus Misstrauen und Stolz. Oder der 11-jährige Alexis Broschek, den Wilson bei seiner Theaterarbeit in Hamburg kennenlernte, und der, zu Musik von Grant Kirkhope, sich langsam eine grüne Fuchsmaske aufsetzt. Ein Sumo-Ringer, die Burlesque-Queen Dita von Teese, der Comedien William Pope.L, weiß angemalt, mit einem Ei in der Hand, auf grüner Wiese hinter weißem Gartenzaun, und dazu spielt das Lied „Mary has a little lamb“...

Synthetische Welten, die zunächst unbeweglich erscheinen und erst ganz langsam, unmerklich fast zum Leben erwachen. Ästhetischer Hochglanz, wie auf den Magazin-Coverbildern – nicht umsonst wurde Wilsons Porträt von Brad Pitt in Boxershorts und Socken 2006 Covermotiv für „Vanity Fair“ – der Schauspieler war nicht amused. Und bei Sammlern sind offenbar vor allem die Porträts von Schneeeulen beliebt, vor gepunktetem Hintergrund. Sollte Wilson vollends wohnzimmerkompatibel geworden sein?

Doch wenn Wilson quakende Frösche zeigt und dazu Glenn Goulds berühmte „Goldberg-Variationen“ von 1955 spielt, bis Goulds Summen und das Quaken verschmelzen, ist das eine ingeniöse Zusammenstellung – die Arbeit ist nun in der Kunsthalle Koidl zu sehen. Genau wie das Porträt von Caroline von Monaco in einem Set, das der berühmten Aufnahme ihrer Mutter Grace Kelly in Alfred Hitchcocks „Rear Window“ nachgebildet ist, oder ein Porträt des chinesischen Künstlers Zhang Huan. Wenn verglichen damit andere Porträts oberflächlich, ja prätentiös erscheinen – spricht das gegen den Porträtisten oder den Porträtierten?

Galerie Thomas Schulte, bis 13. März, Charlottenstr. 24; Di-Sa 12-18 Uhr. Kunsthalle Koidl, 7. Februar bis 2. Mai, Gervinusstr. 34; Di-Fr 11-18, Sa 11-16 Uhr.

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