Kultur : Vier Hände und ein Anschlag

In Rolf Schübels „Blueprint“ spielt Franka Potente Klavier – und ihren eigenen Klon

Christiane Peitz

Irgendein schlauer Mensch hat einmal gesagt: Wenn die Filmstars nur die Guten spielen, sind die Zeiten schlecht. In guten Zeiten leisten es sich die Stars, auch mal bad guys zu spielen. Ein Star ist schließlich jemand, dem wir sogar dorthin folgen, wo wir uns gewöhnlich nicht hintrauen. In guten Zeiten lässt sich das Publikum eher auf solch ein Risiko ein.

Deutschland hat nicht viele Filmstars. Franka Potente gehört zweifellos dazu. Wenn sie nun eine Frau spielt, die sich klonen lässt, und auch noch den Part des Klons übernimmt, beweist sie jenen Mut, der ihrem Status als Stars gebührt. Denn die Gentechnik-Debatte ist ein heikles Thema. Leute, die sich solch umstrittener Techniken bedienen, sind mindestens schillernde Figuren.

Die Frau, die sich klonen lässt, heißt Iris. Sie ist eine berühmte Pianistin, mit sensiblem Anschlag und künstlerischem Charisma, stählernen Nerven und kaltem Herzen. Als sie erfährt, dass sie Multiple Sklerose hat, sucht sie einen Reproduktionsmediziner auf und schlägt ihm ein verbotenes Experiment vor. Wenn sie schon sterben muss, soll wenigstens ihr Talent überleben, in Gestalt einer Tochter, die ihr exaktes Ebenbild ist.

„Blueprint“ von Rolf Schübel ist ein in der Gegenwart angesiedelter Science-Fiction. Es könnte schon geschehen sein: Siri, der Iris- Klon, wächst wohlbehütet heran, selbstverständlich ist sie so begabt wie die Mutter. Folglich liefern sich Iris und Siri ein Duell um Bach-Mozart-Beethoven und zugleich ein Mutter-Tochter-Eifersuchtsdrama, einen Krieg zwischen Original und Kopie. Und weil nicht nur Künstler eitel sind, sondern auch Forscher, erfährt Siri bald, warum sie ihrer Mutter so unglaublich ähnlich sieht. Der Verstrickung folgt der Hass, die Feindschaft, die Entfremdung. Der Satz der Mutter – „Du bist mein Leben“ – wird für Siri zum Horrorsatz.

Keine schlechte Idee für einen Psychothriller, einen auf das konkrete Erleben konzentrierten Beitrag zur politisch-moralischen Diskussion über Traum und Alptraum medizinischen Fortschritts. Allein, Rolf Schübel scheut in seinem Film – nach dem Roman „Blaupause/ Blueprint“ von Charlotte Kerner – die Konkretion. Theoretisch spielt Franka Potente eine Täterin, eine Frau, die aus Todesangst, aber vor allem aus Narzissmus Monströses tut. Zumindest erfährt man das aus den Dialogen. Praktisch sehen wir eine allzeit hübsche, patente Schauspielerin, die als Mutter in Galagarderobe auf den Konzertpodien der Welt brilliert und als Tochter in der Einsamkeit der kanadischen Wälder die Natur vorzieht. Ein ebenmäßiges Gesicht, effektvoll ausgeleuchtet, mit der immergleichen losen Haarsträhne, die auf immergleiche Weise in die Stirn fällt. Die Strenge, Humorlosigkeit, ja fast Unmenschlichkeit der Mutter, die Misanthropie und Seelenpein der Tochter – all das bleibt pure Behauptung.

Schwarze Tasten, weiße Tasten

Hinzu kommt die Dramaturgie der Rückblende. Rolf Schübel rollt die Story von hinten auf. Siri meidet die Menschen, hat sich auf eine Insel zurückgezogen, lässt ihren Flügel im Schuppen verrotten und fotografiert weiße Wapitis: eine Hirsch-Art, die mindestens so scheu ist wie sie selbst. Bis die Liebe in Gestalt des sanften Fischers Greg ins Spiel kommt und die Nachricht, dass die Mutter im Sterben liegt. Und Siri erinnert sich; mit einem Stock malt sie Noten in den Sand.

So geht es hin und her, zwischen der kanadischen Gegenwart und einer Kindheit in Deutschland. Rückblenden stoppen den Erzählfluss. Schübel gelingt es nicht, diese Mechanik auszuhebeln: zu steif die Dialoge, zu konventionell die Bildfolgen, zu gefällig der Soundtrack, der das Besondere einer Bach’schen Fuge oder eines vierhändigen Debussy Lügen straft. Klonverbot? „Blueprint“ leidet unter Wiederholungszwang: Irgendwann mag man die fantasielos gefilmten Sequenzen mit flinken Fingern auf schwarzen und weißen Tasten nicht mehr sehen. Eigentlich geht es um Kunst, Manie, Obsession. Schübel bescheidet sich mit Kunsthandwerk.

Auch die Nebenfiguren, Katja Studt als Kindermädchen oder der schwedische Shooting-Star Hilmir Snaer Gudnason als kanadischer Lover, bleiben brav in der Reserve. Die Zurückhaltung hat Methode. Denn Rolf Schübel wagt sich mit „Blueprint“ an eine der ganz großen Fragen der Zeit, meidet aber deren Brisanz. Wir sehen einen klassischen Generationenkonflikt. Einen Konflikt um das Klonen sehen wir nicht. Denn der Film bringt für alle Verständnis auf: für die Gegner wie für die Befürworter des Klonverbots. Gentechnik ist okay, als Notwehr gegen den Tod. Gentechnik ist schlimm, eine Sünde gegen die Schöpfung: Kaum dass der eine Gedanke angedacht ist, wird schon sein Gegenteil fein säuberlich durchbuchstabiert. „Blueprint“ krankt an seiner eigenen moralischen Doppelrolle: Debatte, ja bitte, aber streitet euch bloß nicht. Die Kontroverse bleibt blutleer.

Ob Franka Potente anders gekonnt hätte? Auch das ist ein Star: ein leeres, auratisches Gesicht als Projektionsfläche für unsere Ängste und Hoffnungen. Aber Potente sspielt diesmal ohne Nuancen, ohne Geheimnis oder darstellerische Bravour. Schillernde Figur? Vielleicht hat niemand sie von ihr verlangt. Die Zeiten sind halt doch schlecht.

In Berlin im Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Tegel, Kino in der Kulturbrauerei, Kosmos, Neue Kant Kinos, Passage, Zoo-Palast

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