Kultur : Viergespräch mit Kurtág

Streichquartette beim Musikfest Berlin

Carsten Niemann

Man ist immer ein wenig erstaunt, György Kurtág leibhaftig auf das Podium treten zu sehen. Schließlich hat sich der vitale 80-jährige Komponist in den letzten Jahren mit geradezu unheimlicher Selbstverständlichkeit als Klassiker etabliert. Seine Stücke, die selbst notorische Verächter der Neuen Musik noch durch ihre Kürze erfreuen, behandeln auf lakonische und oft erfrischend witzige Weise elementare musikalische Fragen; sie arbeiten mit wiedererkennbaren Motiven und Strukturen, kennen Emphase und Melancholie ebenso wie Abstraktion. Und obwohl fast jedes von ihnen den Ehrgeiz verrät, einen eigenen Klangkosmos zu entwerfen, verliert Kurtág nie den Respekt vor Charakter und Idiomatik der beteiligten Instrumente. Die Klarheit, Knappheit und Vielfältigkeit seiner musikalischen Formulierungen stiftet in jedem Konzert Brücken, doch ihre zugespitzten Fragestellungen sind im Kontrast zu großen klassischen Werken besonders fruchtbar.

Eine schöne Hommage des Musikfests Berlin an den Komponisten ist es, Streichquartette aus seinem Œuvre mit Schlüsselwerken von Haydn, Beethoven, Schumann und Bartók zu verbinden. Dabei präsentierte man an den ersten zwei von drei Abenden im Kammermusiksaal der Philharmonie kontrastierende Ansätze: Dem renommierten Keller Quartett ungarischer Herkunft stand das etwas jüngere Kuss Quartett deutsch-amerikanischer Prägung gegenüber.

Der Kontrast der Ensemblecharaktere förderte allerdings nicht nur Vorzüge, sondern auch Defizite zu Tage. So mangelt es dem Keller Quartett, das sich insgesamt als das virtuosere, klanglich wie gestalterisch reifere Ensemble präsentierte, an jener Publikumsansprache, mit der das Kuss Quartett fast im Übermaß aufwartete.

Selbst der aufreizende Volksmusikton, mit dem Primarius András Keller den Mittelsatz des technisch virtuos gebotenen zweiten Quartetts von Bartók anriss, wurde nicht zum Thema des Satzes, sondern blieb zu isoliert stehen. Die Wirkung von Beethovens op. 132 wurde von der fehlenden Bereitschaft geschmälert, den Dialog der Motive nach außen zu kehren; Ähnliches ereignete sich im Capriccio aus Kurtágs „Six moments musicaux“: Dessen trockene rhythmische Scherze ernteten jedenfalls keine Lacher. Intensiver drang man in die Dimensionen der Trauer vor – in den Flageolettklängen von Kurtágs „Aus der Ferne V“ nicht weniger als in Beethovens „Heiligem Dankgesang“.

Die Aufmerksamkeit für das harmonische Geschehen unter der melodischen Oberfläche, mit denen das Keller Quartett in diesen Momenten auch punktete, vermisste man nun wieder beim Kuss Quartett. Schmerzlich war dies in Haydns Streichquartett op. 20, 2 zu spüren, dessen mit Detailfreude gestalteter Kopfsatz in eine Folge von Einfällen zerfiel. Ob man besser mit den bewusst fragmentarischen zwölf Mikroludien Kurtágs begonnen hätte? Für das geerdeter wirkende a-mollQuartett von Robert Schumann, das auf die Mikroludien folgte, erwies es sich jedenfalls nicht als Nachteil, dass die Musiker ihre Energien in Kurtágs hoch konzentrierten Miniaturen gebündelt und fokussiert hatten.

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