Kultur : Villa Stuck: Abstraktion im Kaffeehaus

Bernhard Schulz

Lange Jahre spielte die Villa Stuck, das opulente einstige Wohn- und Atelierhaus des "Malerfürsten" Franz von Stuck, im Münchner Kulturleben als Ausstellungshaus eine bedeutende Rolle. 1991 kam es zum Wandel der Trägerschaft, nachdem die bisherigen Privateigentümer ihre Bereitschaft signalisiert hatten, die Immobilie in eine Stiftung einzubringen. Sie wurde in jenem Jahr von der Stadt errichtet - zumal eine durchgreifende Sanierung und Modernisierung des Anwesens dringend anstand.

Nach insgesamt neun Jahren Planungs- und Bauzeit wurde der neugestaltete Ausstellungstrakt im September diesen Jahres fertig gestellt. Im kommenden Jahr soll der Wohntrakt Stucks mit den ihm gewidmeten Ausstellungssälen folgen. Den architektonischen Entwurf besorgte Uwe Kiessler, der seine Fähigkeiten in der Adaption vorhandener Bausubstanz bereits beim Literaturhaus am Salvatorplatz sowie bei der Herrichtung eines beim U-Bahnbau entstandenen "Restraumes" am Königsplatz zum eleganten "Kunstbau" unter Beweis stellen konnte.

Auch bei der Villa Stuck ging Kiessler im Sinne eines behutsamen Eingriffs vor. Um als Museum überhaupt noch "mitspielen" zu können, benötigte das Haus eine zeitgemäße klima- und sicherheitstechnische Ausstattung; desgleichen waren die Servicebereiche zu erneuern. Jetzt präsentiert sich das Museum Villa Stuck als ein überschaubares, überaus angenehm proportioniertes Ausstellungshaus, neutral genug für eine Vielzahl möglicher Ausstellungen weit über den einstigen Rahmen des Jugendstils vom Beginn des 20. Jahrhunderts hinaus.

Eine feine, aparte Verbindung rechtfertigt die Eröffnungsausstellung ausgerechnet zu Theo van Doesburg (1883 - 1931), dem holländischen Maler, Architekten und Theoretiker der Bewegung "De Stijl". Kaum ein größerer Gegensatz zu Stucks Salonmalerei scheint denkbar. Indessen beginnt Doesburgs Hinwendung zur Abstraktion im Jahr 1915 mit einem Vortrag über Kandinsky, Stucks Zeitgenossen in München; und im selben Jahr 1915 beginnt Stuck mit dem Anbau jenes Ateliergebäudes, der jetzt die Retrospektive des Holländers aufnimmt.

Mit van Doesburg stößt die Villa Stuck bewusst in Gefilde jenseits des im 19. Jahrhundert wurzelnden Jugendstils vor. Aber es ist nicht ohne Reiz, in den gezeigten Arbeiten des Multitalents auch solche zu entdecken, die ihrerseits der Vergangenheit verhaftet sind, wie etwa die Entwürfe für Glasmalereien. Obwohl abstrakt, bezeichnen sie doch ein Genre, für das das industrialisierte 20. Jahrhundert keine Verwendung mehr hatte.

Avantgarde beim Nachbarn

Die Münchner Ausstellung greift zurück auf die groß angelegte Retrospektive des Frühjahrs, eine Gemeinschaftsveranstaltung der Museen in Utrecht und Otterlo (Tagesspiegel vom 9. Mai). Daraus hat nur ein kleiner Teil den Weg nach München gefunden. Doch die konzentrierte Auswahl gestattet es, das Lebenswerk van Doesburgs in seinen verschlungenen Wegen präzise zu erfassen. In deutschen Museen bestand dazu merkwürdigerweise nie Gelegenheit.

Dabei orientierte sich van Doesburg stets an der Avantgarde des deutschen Nachbarn. So suchte er Anstellung im Bauhaus, damals noch in Weimar ansässig, und seine Vorträge, die er auf eigene Faust anbot, dürften mit ihrem radikalen Gehalt die Wandlung des Bauhauses vom Kunstgewerbe zum Industriedesign erheblich beeinflusst haben.

Als Architekt erhielt der Autodidakt nie die erhofften Aufträge. Ein einziges Mal erhielt er Gelegenheit, seine ganzheitliche Vorstellung von Raumkunst umzusetzen: in der Umgestaltung eines Straßburger Barockpalais zu einem Unterhaltungszentrum. Zu Recht ist dem "Café Aubette" ein eigener Raum der Ausstellung gewidmet, zeigt sich doch hier der Wandel des dem Jugendstil vertrauten Begriffs des "Gesamtkunstwerks" im Zeitalter der Abstraktion.

Gerade um dieses ganzheitlichen Ansatzes willen hätten die innovativen Gestaltungsideen der niederländischen Retrospektive in München Nachahmung finden sollen. Es fehlen vor allem die Zitate an den Wänden, die den Theoretiker und Dada-Dichter erahnen ließen. Es mangelt überhaupt an Unruhe, wie sie um diesen rastlosen Künstler wohl stets geherrscht haben muss. Die Villa Stuck präsentiert sich als Ausstellungshaus abgeklärt - und glättet dadurch ausgerechnet bei Theo van Doesburg die produktive Dissonanz und auch das Scheitern so mancher groß gedachter Ansätze. Die Doesburg-Retrospektive in Deutschland steht weiterhin aus.

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