Vince Staples in Berlin : Hey, Mr. President!

Hip-Hop jenseits des Mainstreams: Vince Staples rappt im Berliner Columbia Theater. Sein Sound ist rau, bedrohlich. Seine Wut auf die US-Politik groß. Genauso wie die Begeisterung des Publikums.

Inga Barthels
Ghettokid. Der Hip-Hop hat Vince Staples den Absprung aus dem Kriminellen-Milieu ermöglicht, in dem er aufgewachsen ist.
Ghettokid. Der Hip-Hop hat Vince Staples den Absprung aus dem Kriminellen-Milieu ermöglicht, in dem er aufgewachsen ist.Foto: promo

Long Beach, Kalifornien, ist gefährlicher, als es klingt. In der von Armut und Kriminalität geprägten Hafenstadt südlich von Los Angeles wuchs Vince Staples auf. Familie, Freunde, alle waren verwickelt in Gangaktivitäten, auch Staples selbst war als Teenager Mitglied der berüchtigten Crips. Ein Leben, scheinbar vorherbestimmt, entweder im Gefängnis oder mit dem Tod auf der Straße zu enden.

Doch bei Vince Staples lief es anders. Er lernte Mitglieder des Hip-Hop-Kollektivs Odd Future kennen, begann selbst zu rappen. Es folgten Kollaborationen mit Earl Sweatshirt, Mac Miller und Schoolboy Q, dann ein Vertrag beim Major-Hip-Hop-Label Def Jam. Jetzt, mit gerade 24 Jahren, hat Staples sein zweites Studioalbum „Big Fish Theory“ herausgebracht und tourt damit um die Welt.

Der Auftritt im Columbia Theater ist Staples einziges Konzert in Deutschland, seine Musik passt gut in die Hauptstadt. Für das neue Album arbeitete er mit internationalen Produzenten aus der Elektroszene. Herausgekommen ist ein rauer, fast bedrohlicher Sound. Diese experimentellen Produktionen, gepaart mit Staples analytischen, messerscharf vorgetragenen Texten, haben auch hierzulande Lobeshymnen ausgelöst.

Los geht die Show mit dem depressiven Feiersong „Party People“. Staples rappt über wiederkehrende Selbstmordgedanken, die sich auch durch das Geld, das er neuerdings verdient, nicht vertreiben lassen: „How I'm supposed to have a good time / When death and destruction's all I see?“ fragt er im Chorus. Das aufgeheizte Berliner Publikum lässt sich von den nachdenklich Lyrics nicht weiter stören, schnell bildet sich ein kleiner Moshpit vor der Bühne.

Spätestens beim nächsten Song, dem basslastigen „BagBak“, gibt es dann kein Halten mehr. Staples lässt seiner Wut auf das politische System in den USA freien Lauf, fordert mehr „Tamikas“ und „Shanikas“ im Weißen Haus, verflucht die Oberschicht, Gentrifizierung und den Präsidenten. Mit „Homage“ liefert er eine Eigenlob-Hymne à la Kanye West, einem Vorbild von Staples. Bei ihm schwingt aber immer Ironie mit, wenn er fragt, wo zum Teufel eigentlich sein Grammy sei und sich mit Hitchcock vergleicht.

Dass Staples sich vom Hip-Hop-Mainstream abgrenzt, macht er auch mit seiner minimalistischen Bühnenshow deutlich. Der Rapper im schwarzen Hoodie bleibt alleine auf der Bühne, unterstützt nur durch ein ausgeklügeltes Lichtkonzept. Oft verschwindet er dabei ganz im pastellfarbigen Dunst. Versuche, mit dem Publikum zu interagieren, bleiben halbherzig. Staples geht es um seine Musik, seine Kunst. Das muss reichen, und das tut es auch.

Einer von vielen Höhepunkten ist „Yeah Right“, eine von Flume und Sophie produzierte Satire auf das Gangster-Gehabe in der Hip-Hop-Szene. Auf der Albumversion des Songs hat Kendrick Lamar einen Gastauftritt. Mit dem Rap-Superstar wird Staples oft verglichen, nicht nur, weil Lamar unter ähnlichen Verhältnissen wie er in Compton aufgewachsen ist: Beide Musiker lassen sich nicht vom Druck, Chartmusik zu machen, beeinflussen, schreiben scharfsinnige, politische Texte und haben dazu eine besondere technische Begabung.

Auch wenn Staples noch im Schatten des sechs Jahre älteren Lamar steht, muss er den Vergleich nicht scheuen. In Berlin lässt jetzt weder die Energie des jungen Rappers je nach, noch die des Publikums. Das große Finale kommt mit Staples Heimat-Hymne „Norf Norf“ aus seinem erstem Album „Summertime 06“. „I ain't never ran from nothin’ but the police“, brüllt die Menge im Chor, obwohl aus dem Publikum geschätzt nur wenige schon vor der Polizei wegrennen mussten.

Nach den letzten Worten des Songs verlässt Staples abrupt die Bühne des Columbia Theaters: „From the city where the skinny carry strong heat / Northside Long Beach, Northside Long Beach“. Vince Staples hat es geschafft, sein Universum für einen Abend lang ins ferne Berlin zu transportieren.

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