Kultur : Visitenkarte als Pension

Klaus Wagenbach über den Handel mit Kafka-Handschriften

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Ab morgen steht im Wiener Antiquariat „Inlibris“ ( www.inlibris.at ) ein Konvolut von Briefen und Postkarten Franz Kafkas zum Verkauf: knapp 40 Dokumente für 1,2 Millionen Euro. Dabei handelt es sich um eine Rekordsumme für Kafkas Handschriften. Die Briefe stammen aus dem Nachlass des späten KafkaFreundes Robert Klopstock (1899 -1972). Mit dem Verleger, Autor und Kafka-Forscher Klaus Wagenbach, der „dienstältesten Kafka-Witwe“ (K.W.), sprach Marius Meller.

Herr Wagenbach, 1988 erwarb das Marbacher Literaturarchiv die „Proceß“-Handschrift für 3,6 Millionen Mark. Jetzt werden 37 Briefe und Postkarten aus Kafkas letzten Lebensjahren, von denen nur sieben bisher unveröffentlicht sind, für 1,2 Millionen Euro zum Kauf angeboten. Läuft da etwas aus dem Ruder?

Das kann man wohl sagen. Auch die 3,6 Millionen für das Roman-Manuskript waren bereits ein exorbitanter Preis. Das Innenministerium hat helfen müssen, die Kulturstiftung der Länder und das Literaturarchiv – schon damals mussten sich also drei Institutionen zusammenfinden. Seitdem sind die Preise immer weiter gestiegen. Wenn ein Autor so berühmt ist, wenn die Relikte dieser Weltikone, die Memorabilien und Venerabilien, sehr selten sind, dann führt das zu Preisen von diesen schwachsinnigen Dimensionen.

Die Kulturstiftung und das Marbacher Literaturarchiv äußern sich diesmal zurückhaltend. Landet das Briefkonvolut nun womöglich in einer Privatschatulle?

Das ist denkbar, angesichts des Zustands der Haushalte. Und der gesamte Marbacher Ankaufsetat ist unendlich viel geringer als die hier in Rede stehende Summe.

Was bedeutet das für die Kafka-Forschung?

Die meisten Briefe und Karten sind bekannt, und ob die sieben Briefe, die noch nicht bekannt sind, so wichtig sind, sei dahingestellt. Es handelt es sich um Briefe aus den letzten drei Lebensjahren, in denen nur selten von einem Werk die Rede ist – sehr private Briefe. Die „Proceß“-Handschrift war so wichtig und musste für die Forschung gesichert werden, weil man nur mit ihr die Kapitelabfolge und Romanstellen klären konnte.

Kafka nannte den Adressaten, den Arzt Robert Klopstock, einen Mann von „gröberem Gesamtbild“. Kafka hatte sich so mit ihm angefreundet, dass er ihm fast 70 Briefe schrieb...

Das war eine für Kafka seltene Öffnung. Kafka war ja jemand, der sich nicht nur gegenüber Frauen schwer öffnete und dessen Schreiben ganz bei sich stattfand.

Besitzen Sie selbst auch Kafka-Autographen?

Ich habe viele Originalfotos, auch das berühmte Berliner Porträt und das Verlobungsbild mit Felice Bauer von 1917. Und ich besitze als Kafka-Verrückter sämtliche Erstausgaben, als Autographen jedoch nur eine Visitenkarte, die Kafka an seinen Chef in der Versicherung schrieb. Er entschuldigt sich dafür, dass er einen Ohnmachtsanfall erlitten hat. Der Anfall war am Morgen nach der Niederschrift des „Urteils“.

...die Nacht zum 23. September 1912, Kafkas „Geburt als Erzähler“...

...das ist mir besonders lieb, denn es zeigt den unendlich höflichen Kafka, der sich entschuldigt im Büro, weil er drei, möglicherweise vier Stunden zu spät kommt. Dieses Kärtchen wird, wenn die Preise weiter steigen, vielleicht meine Pension sichern.

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