Kultur : Vitra Museum: Ein Zeitalter wird besichtigt: die visionären Möbel von Verner Panton

Christian Schröder

Am Ende der Evolution kehrt der Mensch an den Anfang zurück: in die Höhle. Der Eingang ist ein kreisrundes Loch, daneben hängt ein Schild: "Bitte Schuhe ausziehen!" Wer hier eintritt, lässt die Zwänge der Zivilisation hinter sich. Schummriges Licht, gefiltert durch die mit Stoff bezogene Deckenverkleidung, fällt von außen in einen Raum, in dem es keinen rechten Winkel mehr gibt. Wellenförmig geschwungene Schaumstoffelemente - in der Mitte in glühendem Rot, Gelb, Orange gehalten, an den Rändern zu Blau, Grün, Lila erkaltend - staffeln sich zu einer Art Wohn-Darm. Man kann sich auf eine der weichen Schaumstoffwellen legen, die Stoffwellen an der Decke anstarren und sich zurückträumen in die Zeit, als das noch zusammenpasste: Naturromantik und Fortschrittsglauben. An endoskopische Aufnahmen fühlten sich die Besucher der Kölner Möbelmesse "Visiona 2" erinnert, die 1970 in die "Phantasy Landscape" krochen. In Auftrag gegeben worden war die Pop-Art-Grotte allerdings von der Firma Bayer, die damit für neue Chemiewerkstoffe werben wollte. So bonbonbunt gestrahlt wie damals hat die Zukunft seitdem nie wieder.

Ein Nachbau der psychedelischen Plüsch-Höhle ist das Prunkstück der Retrospektive, mit der die neu eröffnete Berliner Dependance des Vitra Design Museums an Verner Panton erinnert. Die "Phantasy Landscape" - eher eine begehbare Plastik als ein Raum im herkömmlichen Sinn - ist ans Ende der hundert Meter langen Ausstellungshalle gesetzt worden - als Schlussakkord einer Schau, in der die Besucher nicht nur das Werk eines Gestalters, sondern ein ganzes Zeitalter besichtigen können. Die Vision aus Schaumstoff, Wolle und etwas Holz war zwar bei weitem nicht der letzte, sicher aber der radikalste Entwurf des dänischen Designers.

Beflügelt von der Aufbruchstimmung der Studentenrevolte brach Panton mit allen Konventionen des bürgerlichen Wohnens: Die traditionelle Hierachie von Wänden, Decke und Fußboden war abgeschafft, es schien, als ob die Op-Art-Spielereien des Malers Victor Vasarély aus dem Bilderrahmen in die dritte Dimension gesprungen seien. "Ich kann es nicht ertragen, in ein Wohnzimmer zu kommen, das Sofa mit dem Sofatisch und zwei Sesseln zu sehen und sofort zu wissen, dass man hier den ganzen Abend festsitzen wird", erklärte Panton 1970 und stellte damit auch seine bisherige Arbeit in Frage. Schließlich hatte er bis dahin sein Geld mit dem Entwerfen von Sofas, Tischen und Sesseln verdient. Nun schuf er eine Art schaumstoffgewordenes Teach In: Kuscheliger als in der "Phantasy Landscape" ließ sich nirgends diskutieren. Vorher hatten Designer das Leben nur unterschiedlich ausgestattet. Jetzt kam es darauf an, es zu verändern.

Verner Panton, 1926 auf der Insel Fünen geboren und 1998 in Kopenhagen gestorben, war seiner Zeit oft so weit voraus, dass die Zeitgenossen Schwierigkeiten hatten, mitzukommen. Mit einem Modell des Panton-Stuhles, dem ersten aus einem Stück gegossenen Kunststoffstuhl der Möbelgeschichte, reiste er jahrelang erfolglos durch Europa, weil sich kein Hersteller fand, den kühnen Entwurf umzusetzen. Der elegant geschwungene Schalensitz, an dem Panton seit den frühen fünfziger Jahren gearbeitet hatte, konnte erst 1968 bei Vitra in Serie gehen und machte sofort Sensation. In der Retrospektive hat er nun den Platz gefunden, der ihm zusteht: als eine im weißen Scheinwerferlicht aufgesockelte Design-Ikone des 20. Jahrhunderts. "Jedes neue Material, jede neue Technologie löst Design-Impulse aus", lautete Pantons Credo. 1959 montierte er einen Armlehnsessel aus Plexiglas, 1960 blies er einen Hocker aus durchsichtiger Kunststofffolie auf. Mit seiner Lust am Experiment wurde er in seiner Heimat, die unter dem Label "Den gode smag" weiter auf traditionelle Tischlermöbel setzte, schnell zum Außenseiter. Der gelernte Architekt, der im Büro von Arne Jacobsen zum Möbeldesign gefunden hatte, verließ 1963 Dänemark und siedelte nach Basel über.

Pantons Möbel sind unverwechselbar, obwohl sie keinem einheitlichen Stilprinzip folgen. Beim Funktionalismus von Rietvelds Zig-Zag-Stuhl bediente sich der Design-Visionär genauso wie beim Biomorphismus der Eames-Brüder, mit seinen Raumentwürfen - von denen nur die schreiend rote "Spiegel"-Kantine in Hamburg (1969) die Zeiten überdauert hat - knüpfte er an die Gesamtkunstwerkkonzepte des Jugendstils an. Kunsthistoriker etikettieren seine Arbeiten mit dem hilflosen Begriff "Pop-Design", der eher ihre Wirkung als ihre Ästhetik beschreibt. Pantons Möbel sorgten für Furore, weil sie neue Materialien in noch nie gesehene Formen zwangen. Aber diese Formen waren immer Mittel, nie Selbstzweck. Als ein New Yorker Geschäft 1958 Pantons "Tütenstuhl" - einen Polsterkegel auf Kreuzfuß, der die Postmoderne ein Vierteljahrhundert vorwegnahm - in seinem Schaufenster ausstellte, löste das ein Verkehrschaos aus. Die Polizei ordnete die Entfernung des Stuhls an, weil sich zu viele Autofahrer den Hals danach verrenkt hatten.

Panton war ein gnadenloser Zukunftsoptimist, er hatte auch etwas von einem Weltverbesserer an sich. Seine Möbel sollten einen anderen Blick auf das Leben ermöglichen. Im "Flying Chair" (1963) baumelten die Benutzer unter der Decke, im "Living Tower" (68) kauerten sie wild unter-, über-, durcheinander, auf dem "3-D-Teppich" lagerten sie in einer künstlichen Fels- und Rasenlandschaft. "Eine Veränderung der Dinge kann die menschlichen Beziehungen verändern", schrieb Panton. Dass dieser schon einmal halb vergessene Möbel-, Raum- und Lebensreformer nun wieder entdeckt wird, lässt für das noch junge Jahrtausend hoffen.

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