Kultur : Viva Mexico!

Die Preisträger des Praemium Imperiale

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Dass es ein Künstler im internationalen Kulturbetrieb ganz an die Spitze geschafft hat, lässt sich auch daran ablesen, dass er eine Vielflieger-Goldkarte besitzt. Denn die Darlings der Szene sollen im globalen Dorf am liebsten überall gleichzeitig präsent sein. Und wenn sie lange genug in eigener Sache herum gejettet sind, kommt dann noch der Preis fürs Lebenswerk – und alle Welt nickt wissend: Ach ja, der, natürlich, der war aber auch wirklich mal an der Reihe.

Die feinste unter der hochdotierten Lebenswerk-Auszeichnungen für Künstler ist der japanische Praemium Imperiale, beschirmherrt vom Kaiserhaus, alimentiert von finanzstarken Sponsoren, fünf Mal 15 Millionen Yen (130 000 Euro) für fünf Meister ihres Fachs aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Musik, Architektur und – ja, tatsächlich! – Theater oder Film. Vier der Preisträger des Jahres 2011 sind tatsächlich globale Größen: die Shakespeare-Spezialistin und nebenberufliche Bond-Vorgesetzte Judi Dench, der Wohlfühl-Videofilmer Bill Viola, Anish Kapoor mit seinen raumgreifenden Installationen aus feinsten Membranen, Maestro Seiji Ozawa, dessen Wiedereinstieg in den interkontinentalen Klassikbetrieb nach langer Krankheit nun tatsächlich 2012 stattfinden soll. Wer aber bitte ist Ricardo Legorreta, der Geehrte in der Kategorie Architektur?

Hier ist den Juroren tatsächlich mal eine Überraschung gelungen: Wer viel auf dem amerikanischen Kontinent herumkommt, kennt Legorretas Camino Real Hotel in Mexico City (von 1968!), den von ihm gestalteten Pershing Square in Los Angeles, die Kathedrale von Managua oder das Museum in Monterrey – in Europa aber ist der 1931 geborene Mexikaner ein Unbekannter. Dennoch war es ausgerechnet das deutsche Beratergremium um „Goethe-Institut“-Präsident Klaus- Dieter Lehmann, das den Architekten in den vergangenen Jahren immer wieder in Japan vorgeschlagen hat.

Aufwändig ist die Ermittlungsprozedur des Praemium Imperiale – angemessen für eine Auszeichnung, die sich als „Nobelpreis der Künste“ verstanden wissen will. Sechs hochmögend besetzte nationale Nominierungskomitees stellen zunächst in Frankreich und Italien, Großbritannien, Deutschland, Japan und den USA Wunschlisten zusammen. Diese werden dann in Tokio von weiteren Gremien gesichtet, bevor schließlich die auslobende Japan Arts Foundation die endgültigen Preisträger festlegt. Dem 80-jährigen Ricardo Legorreta, der mit seiner Versöhnung von westlicher Beton-Moderne und kolonialen mexikanischen Bautraditionen, seinem Spiel von leuchtenden Farben unter südlicher Sonne, schon viele Betrachter jenseits des Atlantiks verzaubert hat, könnte der japanische Preis nun zum späten Durchbruch in Europa verhelfen. Frederik Hanssen

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