Kultur : Volk im Rausch

Richard Herzinger

Wenige Wochen nach der Eröffnung des Jüdischen Museums in Berlin und einige Tage nach dem Baubeginn des Holocaust-Mahnmals wird morgen in Nürnberg eine weitere international beachtete Stätte nationaler Geschichtsaufarbeitung der Öffentlichkeit übergeben. Mit einem Festakt unter Beteiligung von Bundespräsident Johannes Rau öffnet das neu ausgebaute "Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände" mit der Dauerausstellung "Faszination und Gewalt" seine Pforten.

Brauchen wir noch ein weiteres Monument des Willens der bundesrepublikanischen Gesellschaft zur Aufarbeitung der Vergangenheit? Wie flächendeckend muss die öffentliche Erinnerung an die NS-Zeit sein? Nun, in Nürnberg gab es wohl spezifische Lücken bei der Konfrontation mit der eigenen Geschichte. Wie keine andere Stadt wurde Nürnberg von der nationalsozialistischen Bewegung vereinnahmt, bis heute haftet ihrem Namen die Assoziation mit dem Nazi-Ungeist an. Was in Berlin vielleicht schon Gedenkensroutine ist, hat dort durchaus noch unmittelbare Brisanz.

Gegenüber den projektierten großen Erinnerungsorten in der Hauptstadt bietet die Nürnberger Einrichtung zudem einen aufregenden Perspektivwechsel. Nicht das Schicksal der Opfer steht hier im Mittelpunkt - auch wenn es keineswegs verschwiegen wird -, sondern das Innenleben der gleichgeschalteten deutschen "Volksgemeinschaft". Die "Reichsparteitage" der NSDAP waren das zentrale Spektakel, mit dem die Machthaber von 1933 bis 1938 ihre Vision von einem rassereinen, harmonisierten, streng gegliederten Gemeinwesen idealtypisch inszenierten. Schon 1927 und 1929 hatten die Nationalsozialisten hier ihre, von SA-Massenaufmärschen begleiteten Parteitage abgehalten. Zwar war die Stadt während der Weimarer Republik liberal regiert und besaß starke sozialdemokratische Traditionen - aber sie war auch die Heimstatt Julius Streichers und seines antisemitischen Hetzblattes "Der Stürmer". Und sie hatte einen Polizeipräsidenten, der den Aufstieg der Nazis förderte.

Nach der Machtergreifung 1933 rief Hitler die "deutscheste aller deutschen Städte", die im Mittelalter bedeutender Versammlungsort von Reichstagen gewesen war, zur "Stadt der Reichsparteitage" aus und machte sich die Virulenz des deutschen Reichsmythos gezielt zunutze. Für anfangs fünf, später sieben, schließlich acht Tage im Jahr wurde Nürnberg zum symbolischen Mittelpunkt des "Dritten Reichs" . Auf dem Reichsparteitag 1935 verkündete das Regime die Rassengesetze, mit denen die jüdischen Bürger ihrer Grundrechte beraubt wurden. Und 1934 drehte Leni Riefenstahl hier ihren Propagandafilm "Triumph des Willens", dessen verherrlichende Darstellung einer ekstatischen Symbiose des charismatischen Führers mit seinem vor Kraft, Jugend und Gemeinsinn strotzenden Volk das Bild des Nationalsozialismus wesentlich prägte.

Unter Federführung von Hitlers Lieblingsarchitekt Albert Speer trieb das NS-Regime zugleich die architektonische Aufrüstung der Schauplätze seiner hybriden Selbstdarstellung voran. Die gigantomanen Bauvorhaben, die sich nach Speers Vorstellung über 11 Quadratkilometer ausbreiten sollten, konnten allerdings nur in Teilen realisiert werden. Wie das "Deutsche Stadion", das bis zu 400 000 Menschen fassen sollte, blieb auch die für 50 000 Teilnehmer konzipierte Kongresshalle unvollendet. Sie ist gleichwohl der größte erhaltene NS-Monumentalbau. In seinem Nordflügel ist das neue Dokumentationszentrum untergebracht.

Die Ausstellungkonzeption folgt dem Gebot didaktischer Eindeutigkeit. "Narrativ" nennt Franz Sonnenberger, Direktor der Museen der Stadt Nürnberg, das Gestaltungsprinzip: Dem Besucher soll eine schlüssige Erzählung der historischen Geschehnisse präsentiert werden, in einer weitgehend konventionellen, übersichtlichen Darstellung der historischen Geschehnisse auf Schautafeln mit knappen Texten und passender Bebilderung. Modernistische Elemente leistet sich die Schau nur mit der Integration von Filmeinspielungen.

Auf politisch-moralisch untadeligem Pfad wird man so durchs deutsche Verhängnis zur historischen Wahrheit und den daraus einzig zu ziehenden Schlussfolgerungen geführt. Der vermuteten Leseunlust der heutigen Jugend hat man Rechnung getragen, indem den Besuchern ein "Audioguide" zur Verfügung gestellt wird. Von ihm kann man sich die Erläuterungen auch ins Ohr sagen lassen. Vom Aufstieg der NSDAP über die Entfaltung und Scheinharmonie des NS-Systems in den Friedensjahren bis 1939, über den Umschlag in den Vernichtungskrieg bis zur totalen Niederlage führt der Gang in die schlüssige Einsicht: Nur so konnte es, so musste es kommen. Als Apotheose der Menschlichkeit fällt am Ende der Blick auf die Nürnberger Prozesse, mit denen die siegreichen Alliierten die Grundlagen für das zeitgenössische Verständnis des Völkerrechts legten. Die Menschenrechte zu verteidigen und zu befördern - das wird uns als Auftrag aus der in eineinhalb Stunden durchschreitbaren Vergangenheitsdarstellung mitgegeben. Zur Beförderung dieses Ziels dient ein ins Dokumentationszentrum integriertes Studienforum.

Auch die Architektur des Ausstellungsgebäudes setzt auf Einfachheit und Klarheit der Interpretation. Der Grazer Günther Domenig hat gegen das totalitäre Gestaltungsprinzip des Speer-Gebäudes, das aus Achsen, rechten Winkeln und schweren Baumaterialien besteht, eine simple Antithese gestellt. Ein begehbarer "Pfahl" aus Glas und Stahl durchschneidet in einem "dekonstruktivistischen Schnitt" den Kongresshallenbau quer in aufsteigender Linie. Domenig hat nach eigenen Worten einen "Speer durch den Speer" getrieben, der zum Innenhof hin aus dem Gebäude heraustritt. Dort steht der Besucher in luftiger Höhe auf transparentem Boden über dem Abgrund. Diese unzweideutige Abgrenzung von der nationalsozialistischen Architekturideologie ändert aber nichts am Schauder des Authentischen, der von dem im Rohzustand belassenen, unvollendeten Originalgemäuer ausgeht. Wie eine düstere Drohung spricht das Fragment gebliebene Monument totalitärer Megalomanie weiterhin für sich selbst.

Vieles, was man in der geradlinigen, bewusst schnörkellosen Ausstellungspräsentation erfährt, mag dem halbwegs informierten Zeitgenossen bekannt sein. So detaillierte Informationen über Aufbau und Ablauf der "Reichsparteitage" hat man aber noch nirgends erhalten. Sie waren nicht zuletzt riesige, identitätsstiftende Volksfeste. Die Reden Adolf Hitlers bildeten dabei den hohepriesterlichen Gipfelpunkt, aber bei weitem nicht die einzige Programmattraktion. Es gab unter anderen einen "Tag der Hitler-Jugend" und einen "Tag der politischen Leiter" - verbunden mit einer Vielzahl von Vorführungen und Aufmärschen, für die wie bei heutigen Festivalsevents Eintrittskarten verkauft wurden. Durch die "totale Mobilmachung der Gefühle", wie es im Begleitheft heißt, wurde eine gleichgerichtete Erlebnisintensität erzeugt, die den heutigen Betrachter erschrecken lässt.

Der erschütternde Glutkern der Schau findet sich dann auch an ihrer Peripherie und in einer Informationsquelle, die sich dem wohlmeinenden pädagogischen Gesamtkonzept tendenziell entzieht: in einem knapp 40-minütigen Begleitfilm, der im Kinosaal angesehen werden kann. Dort berichten Zeitzeugen unbefangen und in meist freudiger Erregung über ihre persönlichen Erinnerungen an die Reichsparteitage. Es glühen die Augen und blühen die Wangen, wenn sie, damals Kinder oder Jugendliche, vom überwältigenden Gemeinschaftsempfinden berichten. Oder wenn sie die Euphorie schildern, die sie durchströmte, wenn sie in die "himmelblauen Augen" des Führers blicken durften.

Diesen Berichten zufolge erstrahlten namentlich die Nürnberger vor Stolz darauf, dass ihre Stadt zum Wallfahrtsort der großdeutschen Volksgemeinschaft wurde. Diese Augenzeugen wissen heute genau, dass sie damals auf etwas Böses hereingefallen sind und bekennen nicht ohne Scham, dass ihnen die Bedingung ihres Harmonierausches, die brutale Ausgrenzung der Juden und anderer "Volksschädlinge", wohl bewusst, aber gleichgültig war. Und doch dringt die glückstrunkene Erinnerung an das Aufgehen in einem ungebrochenen Gemeinschaftsgefühl noch immer durch. Die Einsicht, wie dauerhaft die Wirkung des süßen Gifts der Gemeinschaftssehnsucht ist, muss mehr verunsichern und beängstigen als alle Parolen von Neonazis.

Ein tragikomisches Bild: Ein dürrer alter Mann beginnt vor der Kamera mit seinem Regenschirm zu exerzieren wie einst auf dem Reichsparteitag mit dem Spaten. Er hat Spaß dabei, fast wie damals.

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