Kultur : Volkes schlimme Stimme

Aufklärung, Provokation, Skandal? Die neuen „Weber“ am Staatsschauspiel Dresden

Peter Laudenbach

Die ersten, die den Skandal witterten, waren die Boulevardiers der „Bild-Zeitung“. Nach der Premiere von Gerhart Hauptmanns Naturalismus-Reißer „Die Weber“ am Staatsschauspiel Dresden widmete das Blatt dem Theater die Titelseite. Überschrift in Anführungszeichen: „Dumme Sau!“ Darunter in großen Buchstaben: „Milbradt schlimm beschimpft“.

Was war da passiert, Ende Oktober in der sächsischen Hauptstadt? Regisseur Volker Lösch hatte Hauptmanns Stück vom Elend der schlesischen Weber im 19. Jahrhundert radikal mit gegenwärtigen Stimmungen kurzgeschlossen.Und: Lösch hatte Dresdner Bürgern Fragen zu ihrer wirtschaftlichen Lage, zu ihren Ängsten und Sehnsüchten gestellt und die Antworten im Programmheft abgedruckt. Auf der Bühne werden sie von einem „Chor der Arbeitslosen“ gesprochen: Volkes Stimme in wuchtiger Vergrößerung und Vergröberung.

„Ich würde se einbuddeln bis hier hin, und den Rest, der rausguckt, anpissen und zuscheißen. Exekutive, Legislative, einbuddeln, zuscheißen, fertig“, genießt da einer den Rückfall in die Regression. Ein anderer kompensiert seine Chancenlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt mit rabiaten Fantasien: „Zuerst geh ich ins Arbeitsamt zu der Schlampe, die immer so tut, als wär´ ich schuld. Ganz böse fuchtel ich mit meiner Pistole vor der rum, na ja, und dann scheißt die sich in die Hosen und ich freu mich.“

Dieser böse Chor aus einer gern ignorierten Wirklichkeit beschimpft den sächsischen Ministerpräsidenten Milbradt und schmäht den Bundeskanzler als „Verräterschwein Schröder“, für den sich ein anonymer Arbeitsloser auf der Bühne eine detailliert-absurde Rache wegen Hartz IV und den neuen Zumutbarkeitsregeln ausdenkt: „Er wird wie ein Hamster in ein Laufrad gesperrt, dessen Geschwindigkeit ständig kontrolliert wird. Unterschreitet das Schröderschwein die zumutbare Mindestgeschwindigkeit, öffnet sich automatisch eine Klappe über ihm, durch die ihm ein faules Ei auf seinen machtgeilen Hirnkasten klatscht. Dazu wird er unaufhörlich mit seiner eigenen Stimme konfrontiert: Es gibt kein Recht auf Faulheit.“

Das Gespenstische an diesen abstoßenden Hassfantasien ist, dass sich in ihnen eine Mischung aus Verzweiflung und Ohnmacht entlädt; eine Haltung, die das Vertrauen in die Mehrheitsgesellschaft, zu Demokratie und Sozialstaat verloren hat. Wer nur noch vom Zuschlagen träumt, hat keine Hoffnung mehr, dass seine Interessen im Diskurs der bürgerlichen Öffentlichkeit auch nur vorkommen. Die Öffentlichkeit ist schockiert. Weil das Theater sich den Verlierern und diskursiv Ausgegrenzten öffnet. Und eine schroffe Form von Aufklärung betreibt. Doch hier lässt sich, horribile dictu, etwas über ein Land erfahren, das sich gefährlich verändert. Weshalb fast jeder zehnte sächsische Wähler den dummdreisten Neonazis von der NPD seine Stimme gegeben hat, lässt sich angesichts des hier ausgebreiteten Dokumentar-Materials aus einem womöglich kollektiven Unbewussten zumindest ahnen. Kein schöner Anblick. Aber ein erhellender.

Dass jetzt die Staatsanwaltschaft auf Grund einiger im Programmheft abgedruckter Passagen wegen des Verdachts auf Volksverhetzung ermittelt, lässt sich auch als Akt der Verdrängung begreifen. Der Dresdner Intendant Holk Freytag verteidigt die Inszenierung im Gespräch mit dem Tagesspiegel: „Die Vorwürfe sind ungerechtfertigt. Die Inszenierung warnt vor solchen Stimmungen. Deshalb werden wir sie natürlich auch weiter unverändert spielen. “ Am 25. November ist die nächste Aufführung.

Auch eine prominente Journalistin reagiert erschrocken darauf, dass auf der Bühne Menschen eine Öffentlichkeit gegeben wird, die in den Politiker-Talkshows nicht vorkommen. Sabine Christiansen geht juristisch gegen die Dresdener Inszenierung vor, weil das Theater sich weigert, eine besonders unappetitliche Textpassage zu streichen, in der es heißt: „Wen ich sehr schnell erschießen würde, das wäre Frau Christiansen. Weil sie so oft die Chance gehabt hätte, eben diese Leute auch wirklich zu schlagen, diese ganzen alten blöden Männer. Die würd´ ich relativ gerne beseitigt sehn.“

Ein Mordaufruf ist kein Kavaliersdelikt, die Textpassage hat mit der Freiheit der Kunst nichts zu tun. Aber sie hat sehr viel zu tun mit gesellschaftlichen Stimmungen und den Gefühlen von Sozialverlierern, die in gepflegten Talkrunden mit den immer gleichen Politikern und Lobbyisten nicht vorkommen. Es ist eben nicht nur Theater: Einige Mitglieder des Laienchors auf der Dresdner Bühne sind selbst von Hartz IV betroffen.

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