Volksbühne: "A Dancers Day" in Tempelhof : Es lebe das Chaos

Der Choreograf Boris Charmatz wirbt mit „A Dancers’s Day“ für die neue Volksbühne - und liefert mit "10.000 Gesten" die erste Uraufführung.

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Szene aus der Uraufführung von „10 000 Gesten“
Szene aus der Uraufführung von „10 000 Gesten“Foto: Ursula Kaufmann/Volksbühne

So eine Charmeoffensive erlebt man in Berlin nicht allzu oft. Boris Charmatz ist der Mann, der es reißen soll, der die Berliner für die neue Volksbühne gewinnen soll. Zur Eröffnung zeigt der französische Choreograf gleich drei Projekte auf dem Flughafen Tempelhof und gibt sich dabei sehr volksnah. Schon beim Tanzspektakel „Fous de danse“ am Sonntag erarbeitete er eine kollektive Choreografie mit tanzwilligen Berlinern. „Rennen, Fallen, Chaos – das ist die Volksbühne“, rief er den Amateuren zu, die sich beherzt auf den harten Betonboden warfen. Jetzt hat Charmatz beim sechsstündigen „A Dancer’s Day“ im Hangar 5 wieder einen Workshop mit Zuschauern abgehalten. Der Choreograf, der deutsch mit französischem Akzent spricht, schafft es spielend, die Leute bei der Stange zu halten.

Danach: erst mal ein Picknick. Zwischen den karierten Decken tanzt Frank Willens nackt Tino Sehgals „Ohne Titel (2000)“, ein Parforceritt durch die Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts. Auch das Peniszupfen am Ende ist ein Zitat, die herumtollenden Kinder interessiert das aber nicht sonderlich.

Immer mehr Kulturvolk strömt in den Hangar und nimmt auf der Holztribüne Platz, die einen gewisses Baumarkt-Flair verbreitet. Auf einem Faltblatt informiert der Architekt Francis Kéré die Zuschauer, dass sie auf einem „Prolog“, einer „Präambel“ sitzen. Für das Provisorium hat die Volksbühne immerhin 300 000 Euro von der Lotto-Stiftung bekommen. Von der ursprünglichen Idee einer mobilen Bühne ist aber nicht viel zu erkennen. Spöttische Kommentare machen die Runde auf dem Gerüst – und die Spannung steigt immer mehr. Angekündigt sind „10 000 Gesten“, die einzige Uraufführung dieses Openings. Nun geht es darum zu beweisen, dass der 44-jährige Boris Charmatz nicht nur Animateur der Volksbühne ist, sondern Avantgardist, einer der radikalsten Choreografen seiner Generation.

Verschwendung und Verausgabung

Sein Spektakel „Fous de danse“ wurde von einigen Kritikern verächtlich als Ringelpietz oder Kindergeburtstag abgetan. „10 000 Gesten“ ist nun alles andere als gefällig, es bedeutet Verschwendung und Verausgabung; die 25 Tänzer bewegen sich zwischen Exzess und Erschöpfung. Die Idee klingt megaloman: Keine einzige Geste soll wiederholt werden. Es ist freilich kein Katalog an Gesten, keine museale Kollektion, die Charmatz ausstellt. Man sieht vielmehr eine Explosion an Bewegungen, einen Tumult der Körper.

Der Prolog: ein furioses Solo. Eine Tänzerin in rotem Paillettendress, die wie ein Clown anmutet, steigert sich in eine Raserei. Sie summt, springt, schleudert die Bewegungen heraus, angetrieben von dem brennenden Wunsch, sich mitzuteilen. Das Stakkato wirkt wie ein choreografisches Gestammel. Plötzlich stürmen 24 Performer auf die Bühne und arrangieren sich zu einem malerischen Gruppenbild. Die Tänzer, mit denen Charmatz „10 000 Gesten“ erarbeitet hat, sind sehr eigen und eigenwillig in ihrer Ausdruckswut. Auch drei schwarz Vermummte mischen sich in die multinationale Equipe, wie eine versprengte Anti-Terror-Einheit.

Charmatz unternimmt keinen Versuch, diese überzeugten Individualisten in eine Ordnung zu pressen, Harmonie oder Gleichklang der Körper herzustellen. Seine Choreografien – das hat er schon in früheren Stücken gezeigt – basieren auf einer Philosophie der Differenz. In „10 000 Gesten“ findet alles gleichzeitig statt: Springen, Fallen, Kreiseln, Beten, Salutieren, Winken und Weinen, Zittern und Zucken.

Bewegungen aus der Arbeitswelt stehen neben solchen aus den Sphären der Politik, des Sports, des Militärs. Es gibt sexuelle, spielerische, stupide Gesten. Ballettschritte und afrikanischen Tanz. Gesten der Vergeblichkeit und der Trauer. Als Betrachter ist man mit einem Tohuwabohu aus lesbaren und unlesbaren Zeichen konfrontiert. Eine Szene erinnert an einen Schiffbruch. Ein Mann zieht eine Kette aus Leibern über den Boden. Das Schreien steigert sich schon mal zu einer Brüllorgie.

Intimität und Innerlichkeit

Überraschend die Wahl der Musik: Mozarts Requiem kontrastiert in seiner Dramatik und berückenden Schönheit mit den rauen und ungestümen Bewegungen. Deutlich wird, wie stark der Tanz von musikalischen Emotionen zehrt. Charmatz nennt sein Stück auch einen „Friedhof der Gesten“. Kaum ausgeführt, ist die Bewegung auch schon verschwunden. Doch er will nicht allein die ephemere Natur des Tanzes veranschaulichen, es geht ihm darum, den Aktionen der Tänzer eine Dringlichkeit zu geben. Wie er das Chaos entfesselt, wie es ihm gelingt, die Konfusion, die heutigen Ängste einzufangen, ist grandios.

Boris Charmatz ist selber ein toller Tänzer, das hat er schon bei „Fous de danse“ gezeigt. Gemeinsam mit der flämischen Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker tanzt er einen Auszug aus der Bach-Choreografie „Partita“. Die beiden sind zum Niederknien, gelingt es ihnen doch, dem Tanz auf dem nächtlichen Flugfeld von Tempelhof eine besondere Intimität und Innerlichkeit zu verleihen.

Bei „A Dancer’s Day“ tanzt Charmatz zu später Stunde dann noch ein Duett mit Emanuelle Huynh. „Etrangler le temps“ basiert auf Ravels „Boléro“, der hier in einer extrem gedehnten Version zu hören ist. Die Bewegungen der beiden Tänzer sind von hypnotischer Langsamkeit, sie umschlingen und halten sich gegenseitig. Immer wieder hebt er sie empor, kippt sie in die Schräglage für einen langen Moment des Schwebens. Den beiden gelingt es tatsächlich, die Zeit anzuhalten. Ihr Tanz ist sehr intuitiv, sehr sinnlich.

Mit „danse de nuit“ folgt am 21. September noch eine Berlin-Premiere. Für Intendant Chris Dercon bleibt Boris Charmatz ein Hoffnungsträger, denn er hat mit seinem Auftreten und seiner Kunst viele für sich eingenommen. Auch im ruppigen Berlin.

„A Dancer’s Day“, wieder 16. September ab 16 Uhr, 17. September ab 14 Uhr

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