Kultur : Voll krass - die Söhne Mannheims im Columbia Fritz

Philipp Lichterbeck

Das Schöne am deutschen HipHop ist, dass er uns mit Deutschlands ödesten Orten bekannt macht. Nachdem Hartreimer Moses Pelham die Frankfurter Prollvorstadt Rödelheim auf die musikalische Landkarte setzte, erklärt uns Pelhams Schützling Xavier Naidoo jetzt, wo Mannheim liegt. Naidoos neustes Projekt heißt Söhne Mannheims. Darin gibt der tief gläubige Naidoo einem Haufen rappender Kumpels aus seiner Heimatstadt die Chance, auch mal auf der Bühne zu stehen. Abgekürzt nennen sich die Söhne Mannheims: SM. Genau wie Sado Maso also. Mit dieser Assoziation im Hinterkopf (die Band sind die Sadisten, die Zuschauer die Masochisten) und dem festen Vorsatz, über den Grönemeyer-Imitator Naidoo richtig abzulästern, begab sich der Autor dieser Zeilen ins Columbia Fritz - und wurde herb enttäuscht. Denn SM spielten ein "krass-geiles" Konzert, wie es eine Zuschauerin auf den Punkt brachte. Das lag vor allem daran, dass der Söhne Mannheims viele sind und nicht alle Naidoos Vorliebe für Schnulzen und Pressgesang teilen. Da wurde zu viert gebeatboxt, man freestylte, scratchte und raggamuffte, was das Zeug hielt. In weiten Jacken, mit Schals, Wollmützen und Handtüchern eingedeckt, sprangen die Söhne Mannheims umher, umarmten und küssten sich und verbreiteten eine familiäre, fast liebevolle Atmosphäre. Der Ausnahme-Gitarrist der Band, Michael Koschorrek, spielte den Blues, dann hatten zwei örtliche Rapper ihren Auftritt und sogar die Roadies durften mal jammen, was sich dann eher wie Jazz anhörte. Der Sound stimmte, weil ein genialer Tonmann die zeitweilig dreizehn Musiker (darunter zwei Schlagzeuger, zwei Keyboarder, ein DJ, zwei Gitarristen und bis zu fünf Sänger) derart klar abmischte, dass er einen Sonderapplaus bekam. Und weil Naidoo und der Rest seiner multi-ethnischen Kumpane gute Christen sind, dankten sie am Ende Gott für die nette Party. Mannheim ist vielleicht ein öder Ort, devot jammen lernt man dort aber zumindest.

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