Kultur : Vom Fallschützenwebstuhl ins Lustspurdepot

Todesursache Euthanasie: Die Heidelberger Sammlung Prinzhorn zeigt die Kunst von Sonderlingen, die in der NS-Zeit ermordet wurden

Katrin Hillgruber

Ähnlich keck und doch artiger als Lewis Carrolls „Cheshire Cat“ blickt ein weißer Katzenkopf mit Schleife aus einem Blumengrund hervor. Über die Schöpferin des Ölgemäldes, die Zeichenlehrerin Gertrud Fleck, ist ein Zwiespalt in Form eines Akteneintrags überliefert: „Neigt zu Gewalttätigkeiten. Malt sehr nett.“ An Weihnachten 1933 wird eines ihrer „großartigen Gemälde“, ein Blumenstück, im Salon des Sanatoriums aufgehängt. Joseph Schneller, Bauzeichner bei der Königlich Bayerischen Staatseisenbahn, fühlt sich zunehmend als heimliches Zentrum eines „elektrischen Rundgesangs“. Er bezichtigt betagte Honoratioren wie den bayerischen Prinzregenten oder Papst Leo XIII., ihn auf telepathische Weise seiner Jugend zu berauben; dies geschehe durch eine fortwährende „Organe- und Extremitäten-Substanzen-Auswechslungs-Transmission“. Neben seinem in Mappen gesammelten „Sadistischen Lebenswerk“ setzt der bekennende Flagellant 1936 auch noch zu einem kühnen architektonischen Projekt an: In einem gigantischen „Lustspurdepot“ – veranschlagte Bauzeit: 400 Jahre – soll der „christliche Beischlaf“ gerettet werden, den die Kirche verboten habe.

Gertrud Fleck und Joseph Schneller sind zwei von neunzehn Patientenkünstlern, deren Vita und Schaffen die Sammlung Prinzhorn in Heidelberg rekonstruiert hat und so dem Vergessen entreißt. Nach jahrzehntelangen Aufenthalten in psychiatrischen Anstalten wurden diese Künstler, Visionäre, Phantasten ab Herbst 1939 wie tausende andere nach der NS-Ideologie „lebensunwerte“ Erwachsene und Kinder vergast oder dem Hungertod ausgesetzt. Die „Aktion T4“, benannt nach der Berliner „Euthanasie“-Zentrale in der Tiergartenstraße 4, begann in den östlichen Gebieten mit fahrbaren Gaskammern, die zur Tarnung die Aufschrift „Kaisers Kaffee-Geschäft“ trugen. Im August 1941 verfügte Hitler das offizielle Ende der Mordaktion, weil sie für Unruhe in der Bevölkerung sorgte, obwohl das Mitgefühl mit den Stigmatisierten wohl eher schwach ausgeprägt war. Die sogenannte wilde Euthanasie kam jedoch bis Kriegsende immer wieder vor, und die beteiligten Ärzte blieben oft noch Jahrzehnte nach 1945 im Dienst.

Es ist die besondere Leistung der Kuratoren und der Autoren des prächtigen Katalogs (herausgegeben von Bettina Brand-Claussen, Maike Rotzoll, Thomas Röske), dass nicht die nüchternen Fakten des Massenmordes im Vordergrund stehen, sondern die einzelnen Künstlerbiographien. Herrlich bunt erstrahlt die Kühnheit der diversen Weltentwürfe; es frappiert, wie schmal der Grat zwischen Einbildungskraft und Wahn oft ist. Fiktion als Fluchtraum, Manie als Selbstrettung aus widrigen Lebensumständen.

Voller Empathie zeichnen die Begleittexte zum Beispiel das Leben des hochgebildeten Kaufmanns Josef Heinrich Grebing nach. Bereits der 26-jährige Patient erkannte, dass er als „Sträfling“ nie mehr sein „heiteres, vornehmes und geliebtes Mannheim“ sehen werde. Unter dem Motto „Mein Feld ist die Welt“ baute er sich ein täuschend echtes Ersatz-Wirtschaftsimperium auf, das unter anderem einen anstaltseigenen Marmorbrunnen sowie einen Mantel aus Pfauenfedern für den Direktor vorsah. Ein anderer Patient, der antiklerikale Sozialist Gustav Sievers wiederum sah sich von Feinden wie der Zentrumspartei um seine Erfindung des „Fallschützenwebstuhls“ beneidet und daher in die Unfreiheit getrieben. Als Maler wurde er zum Schöpfer eines drallen, selbstbewussten und höchst modernen Frauentyps.

Der Schrecken des Ersten Weltkriegs und die existentielle Gefährdung durch die Weltwirtschaftskrise scheint in vielen der „verrückten“ Kunstwerke auf, die doch nur die Relativität des eigenen Standpunktes offenbaren. Dabei bestätigen sich die Thesen des Psychiaters Richard Avenarius, der in seinem Standardwerk über Erscheinungsbilder und Entstehungsweisen des Größenwahns (1978) den Einfluss des jeweilig herrschenden politischen Systems auf die Wahninhalte aufzeigte. Auch wird anhand der Exponate deutlich, dass Frauen, bedingt durch ihre Sozialisation, eher zu einem passiven „Abstammungswahn“, wie dem Motiv der vertauschten Prinzessin, neigen. Die Männer dagegen erarbeiten sich meist ihre schillernden Manien: Am imposantesten wohl mit den Projekten „Lustspurdepot“ und „Fallschützenwebstuhl“. Nach dem Willen seines Erfinders sollte er eine „3000-jährige Epoche des fliegenden Webschiffs“ einleiten.

Als die Heidelberger Sammlung des Arztes und Kunsthistorikers Hans Prinzhorn im September 2001 in einem historischen Hörsaal endlich ihr festes Domizil beziehen konnte, war ein Museum der „eigenen und anderen Art“ geplant. Die aktuelle Ausstellung demonstriert die Würde und Hellsichtigkeit dieser Kunst der eigenen und anderen Art.

Noch bis 21. April; Sammlung Prinzhorn, Voßstr. 2, 69115 Heidelberg, Telefon: 06221/56 44 92, www.prinzhorn.uni-hd.de Der Katalog „Todesursache: Euthanasie. Verdeckte Morde in der NS-Zeit“ (175 Seiten mit Abb., 29,90 Euro) ist im Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg, erschienen.

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