Kultur : Vom konkreten Blick auf Überlebenskämpfe

Silvia Hallensleben

Eine hellblaue Geburtstagstorte grüßt von den Plakaten. Auch die Duisburger Filmwoche ist längst erwachsen geworden, ihren 25. Geburtstag feiert sie dieses Jahr. Doch in die Jahre gekommen scheint das wichtigstes Forum des deutschsprachigen Dokumentarfilms deshalb noch lange nicht. Sicher, die ausführlichen Filmgespräche, eines der Markenzeichen der Filmwoche, von Festivalleiter Werner Ruzicka und seinen Mitarbeitern mit gründlicher und diplomatischer Hand geführt, sind sanfter geworden. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Orten finden hier Gespräche überhaupt noch statt. Und - es wird immer noch inhaltlich debattiert.

Im Zuge der Medienpräsenz von Doku-Soaps und Real-Life-Formaten schien in den letzen Jahren die Frage nach dem Verhältnis von Inszenierung und Authentizität den Dokumentarfilm und das Reden über ihn zu dominieren. In Duisburg schien es nun, als sei nach den selbstreflexiven Sensibilisierungen der letzten Jahre das Politische wieder zurückgekehrt. Agit-Prop-Videos statt Mockumentaries, Zustandsbeschreibungen statt Experimenten, Polemik statt Selbstbespiegelung.

Kann man das Poltische im Zeitalter komplexer und abstrakter Globalisierungsprozesse aber überhaupt noch filmisch abilden und wenn, wie ? Ein Blick auf die Filme zeigt, dass sich die scheinbar neuen Fragen in der Praxis auf eine altbekannte reduziert, die nach der Platzierung des Menschlichen an der Schnittstelle von Subjekt und gesellschaftlichen Strukturen. Das Spektrum reicht dabei von der allegorischen Reduzierung auf den Quasi-Naturzustand ("Asta e" von Thomas Ciulei aus Rumänien) bis zu Hito Steyerls Work-in-Progress-Serie "Normalität 1-10", dem bei dem Versuch, deutsche Gewaltverhältnisse mit der strukturellen Dominanz von Alltäglichkeit zu konfrontieren, die Menschen ganz abhanden kommen.

Ursula Biemann versucht in "Remote Sensing" durch Split-Screen-Effekte und die Überlagerung verschiedener Text-Ebenen in den Diskurs über den internationalen Frauenhandel einzugreifen. Viele Zuschauer sahen sich hier allerdings in ihrer Wahrnehmungsfähigkeit überfordert. Vielleicht ist es symptomatisch für den Ansatz der aus dem Kunstbereich kommenden Regisseurin, dass, wie sie berichtete, mittlerweile oft nur noch Drehbücher statt der Filme zirkulieren.

Sie wolle den bipolaren Raum zwischen Opfer und "free agent" öffnen, sagt Biemann. Am besten scheint solches Unterfangen zu gelingen in den Filmen, die sich den Schnittstellen zuwenden, an denen die Vermittlung der Warenströme direkt praktiziert wird. "Leben nach Microsoft" etwa von Corinna Belz und Regina Schilling spürt in Silicon Valley den Mechanismen nach, die in der Produktion zwischen menschlicher Kreativität und Verwertungsprozessen vermitteln. Ihre Helden sind die Programmierer der ersten Stunde, die nach einigen Jahren im Dienste von Microsoft jetzt als verbrauchtes Humankapital mit ein paar Millionen Abfindung in den Ruhestand geschickt wurden. Mit Mitte Dreißig zum Frührentner, realer und symbolischer Restmüll der New Economy, der in nuce die (Selbst-)Vermarktungszwänge der schönen neuen Welt inkorporiert.

"Leben nach Microsoft" zeigt, wie sich im Herzen des Hurrikans die Vernichtungskräfte freisetzen. Zoran Solomun macht die vermeintlichen Ränder zum Zentrum seines Films. "Der chinesische Markt" nimmt einen Umschlagsplatz für asiatische Billiggüter in Budapest zum Anlass, neben den Handelswegen und -bedingungen auch den Existenzen einiger Händler nachzuspüren. Der Kabuler Hochschullehrer, der jetzt Kleider dealt. Die Ex-Krankenschwester, die mit dem Kleinlaster T-Shirts und Socken nach Rumänien transportiert. Der Vorwurf der "Mitleidseffekte" an diesen Film zitierte mit seinen Gefühls-Verboten noch einmal Dokumentar-Debatten vergangenener Jahre. Dabei ist es vor allem Einsicht, die diese Filme erzeugen. Und ist es nicht dieser konkrete Blick auf die Überlebens-Kämpfe der Menschen, der das zu Recht geforderte Aufbrechen von Täter-Opfer-Polaritäten am ehesten erreicht?

"Der chinesische Markt" bekam von der Arte-Jury einen der beiden Preise des Festivals. Auf Effekte setzte da eher ein anderer Film, der den anderen von 3SAT gestifteten Preis des Festivals gewann: "Aufnahme" von Stefan Landorf inszeniert den Krankenhausalltag als Horrorshow. Keinen Augenblick lassen Kamerablick und Tonspur hier den Zuschauer aus ihren Klauen. Natürlich lässt sich solche Vergewaltigungsstrategie auch als mimetische Annäherung an die Anstaltssituation deklarieren. Deren Rezeption ist offensichtlich stark von der Konstitution des Zuschauers abhängig. Vielleicht sollte man diesen Zusammenhängen in Zukunft einmal nachgehen.

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