Kultur : Vom Scheitern der Vernunft

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Von Jörg Königsdorf

Im entscheidenden Moment singt Orpheus nicht. Genau dann, als es gilt, durch die herzbewegende Kraft seines Gesanges den Höllenfürsten Pluto zu rühren und zur Freigabe Eurydikes zu überreden, setzt Carl Heinrich Graun in seiner Orpheus-Oper keine der ansonsten überreichlich vorhandenen Da-Capo-Arien, sondern ein schlichtes Rezitativ: In wohlgesetzter Rede spricht der Sänger und vertraut darauf, mit der Kraft seiner Argumente zu überzeugen. Eine Szene, die den alten Mythos ganz unauffällig und doch spektakulär umdeutet: Aus einer Geschichte über die bewegende Kraft der Kunst wird eine Geschichte über das Scheitern der Vernunft und die Grenzen des Menschen. Dass der 1752 an der Berliner Hofoper uraufgeführte Beitrag des Opernkapellmeisters Friedrichs des Großen zur Jahrhundertdebatte des Aufklärungszeitalters bislang unbemerkt in den Archiven schlummerte, liegt freilich daran, dass der Geschmack Grauns ebenso wie der seines Brötchengebers noch von der feudalen Opera seria bestimmt war: Anders als Gluck 8 Jahre später bei seinem Reform-"Orfeo“ bleibt Graun über weite Strecken konventionell und schreibt für große Gefühle lediglich hübsche, fein abgezirkelte Sängermusik.

Hinrich Horstkotte respektiert in seinem szenischen Wiederbelebungsversuch im Rahmen der Potsdamer Musikfestspiele zum Glück diese Zeitgebundenheit des Stücks: Sein „Orfeo“ fügt sich in Bühne und Kostüm nahtlos ins Rokoko-Ambiente des Schlosstheaters im Neuen Palais ein - ohne den Aufklärungs-Skeptizismus Grauns aus dem Blick zu verlieren. In einem würfelartigen Lesekabinett offenbart sich der Sänger von Anfang an als Homme des lettres - selbst die unverzichtbare orphische Leier ist nur ein Ornt, das keck aus der Rückenlehne seines Schreibtischstuhles gebrochen wird. Ein idealistischer Bücherwurm, dem es bei der Rückgewinnung seiner Eurydike mehr um ein Experiment geht und der hüben im Totenreich den gleichen willkürlichen Feudalismus erleben muss wie drüben in seiner Festanstellung bei Hofe. Horstkotte gelingt dabei eine atmosphärisch erstaunlich dichte Inszenierung: Selbst das Premierenunglück eines erkrankten und lediglich pantomimisch agierenden Hauptdarstellers beeinträchtigt diese Wirkung kaum - allerdings auch, weil Alexander Plust (unterstützt von der aus dem Graben singenden Ulrike Bartsch) seinen Orfeo fesselnd eindringlich und sehr anmutig spielt.

Dass diese drei Stunden nicht langweilig werden, liegt neben den durchweg passablen Sängern maßgeblich an der Berliner Akademie für Alte Musik: Mit ihrem Dirigenten Ralf Popken schärfen sie das Ohr für die Sturm-und-Drang-Vorechos im Orchestersatz, geben der Musik durch kraftvolle Licht- und Schatten-Kontraste Kontur und dramatische Anschaulichkeit. Und Friedrich der Große hatte am Ende vielleicht doch gar keinen so schlechten Musikgeschmack.

Wieder heute und am 22. u. 23. 6.

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