Kultur : Von der Rolle

DIRK SCHÖNLEBE

Die gute alte Filmrolle hat vielleicht bald ausgedient.Das Kinoereignis der Zukunft wird nicht mit Lastwagen in silbernen Boxen gebracht, es kommt aus dem All."CyberCinema" heißt das Projekt, das unter der Federführung des Europäischen Filmzentrums Babelsberg entwickelt wird und die Kinobranche im nächsten Jahrtausend nachhaltig verändern dürfte.

Die Idee ist so einfach wie effizient.Ein Film wird in einem sogenannten CyberCenter eingescannt, digitalisiert - also: in Zahlenreihen umgewandelt - und in dieser Version an einen Satelliten geschickt.Dort, 40 000 Kilometer über den Kinos, ist er dann abrufbar.Möchte ein Kinobetreiber den Film spielen, ruft er die Daten vom Satelliten ab.Diese werden im Kino entschlüsselt, zusammengesetzt - und aus den Zahlenreihen entstehen die elektronischen Filmbilder.Der Film kann dann entweder live auf die Leinwand projiziert, oder auf Magnetbändern von der Größe einer Videokassette gespeichert werden.Der Aufwand dafür ist nicht unbeträchtlich: Kinos, die die Technik nutzen wollen, brauchen einen Computer, einen Server, einen Decoder, eine Bedienungsschnittstelle, einen speziellen Projektor und ein Mischpult.

Momentan existieren nur vier Exemplare solcher CyberCinema-Sets, jedes etwa 250 000 Mark teuer.Ein herkömmlicher Filmprojektor kostet zwar nur etwa 60 000 Mark, bietet aber weniger Möglichkeiten.Das wurde soeben in Babelsberg bei der ersten Demonstration des Projektes deutlich: Je ein Kino in Brüssel, Dublin und Potsdam waren mit dem CyberCenter in der Medienstadt verbunden.Die vier Standorte waren wie in einer Konferenzschaltung miteinander vernetzt.Anschließend war in den drei Kinos gleichzeitig derselbe Film zu sehen, jeweils in der Landessprache.Denn neben den Bilddaten kann das digitale Signal auch die Synchronfassung des Films in bis zu zehn verschiedenen Sprachen transportieren.Ein Spielfilm, dessen Datenmenge etwa 120 Gigabyte Speicherplatz belegt, liegt jedem Kino ohne Mehraufwand im Original oder als synchronisierte Version mit Untertiteln und in mehreren Sprachen vor.Um sich für die deutsche, englische oder spanische Version zu entscheiden, bedarf es nicht mehr, als einen Regler am Mischpult hochzuschieben.

Die Qualität des elektronischen Bildes war bei der Demonstration erstaunlich, dem herkömmlichen Kinofilmbild kaum unterlegen.Jürgen Schau, deutscher Chef der Columbia Tristar Film GmbH, zeigte sich gar euphorisch."Wenn diese Technologie sich durchsetzt, wird Kino eine ganz und gar demokratische Angelegenheit." Jedes Kino, auch in dünner besiedelten Gebieten, könnte neue Filme sofort ins Programm nehmen.Die Vertriebsfirmen würden sich aufwendige Transporte von Filmrollen sparen, und kleinere Kinos auf dem Land müßten nicht die bereits abgenutzte Kopie aus der nächstgelegenen Großstadt benutzen.Zudem könnten auch finanzschwächere Verleihe allen Kinos ihre Filme anbieten, ohne rund 2 500 Mark für eine Kopie zu investieren.Jürgen Fleischmann, Vorsitzender des Europäischen Filmzentrums, verspricht sich von "CyberCinema" sogar eine Verbesserung des heutigen Kinobildes.Die Hell-Dunkel Kontraste könnten noch deutlicher werden, die Bilder insgesamt schärfer.

Im Augenblick ist CyberCinema nur auf kleineren Kinoleinwänden von etwa sechs mal acht Metern machbar - ein Mangel.Außerdem wird derzeit noch an Verschlüsselungsprogrammen gearbeitet, um Hackern Zugang zu verwehren.Das Ziel: die illegale Entschlüsselung muß so aufwendig werden, daß sie sich nicht mehr lohnt.So sollen die Projektoren mit einer Zugangssicherung ausgestattet werden, unautorisiertes Öffnen hätte die Zerstörung des Projektors zur Folge.Jürgen Fleischmann hofft, auch etwaige Widerstände seitens der Filmverbände überwinden zu können."Am Wesentlichen ändert sich ja nichts.Eine Gruppe sitzt in einem abgedunkelten Raum und schaut auf eine Leinwand.Aber durch die Vernetzung kann man viel mehr für sein Publikum machen." Marktreif ist "CyberCinema", wenn europaweit etwa 1000 Kinos mitarbeiten, das soll Anfang 2000 erreicht sein.Mindestens bis dahin kommt der Film auf Lastwagen in silbernen Boxen.

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