Kultur : Von Mäusen und Meriten - Enzensberger dankt, der Orden diskutiert die Genforschung

Nadine Lange

Der ehrenvollste Moment war zugleich auch der kritischste: das Anlegen des Ordens. Weil die sieben Geehrten alle ein bisschen nervös waren, hatte es der Ordenskanzler Hans Georg Zachau nicht leicht, ihnen das blau-gelbe Band mit dem blinkenden Abzeichen um den Hals zu binden. Einige beugten sich zu stark vor, andere wackelten - und schon hing der Orden mit der Aufschrift Pour le mérite (Für das Verdienst) schief unterm Kragen. Am besten machte es die polnische Bildhauerin Magdalena Abakanowicz, die einfach stramm stand und den Kanzler an sich herumnesteln ließ. Als Ritterkreuzträgerin des Ordens "Polonia Resituta" hat die vor allem durch ihre "Abakan"-Texilreliefs bekannte Künsterlin schon Übung in solchen Zeremonien.

Neben Abakanowicz wurden der Altphilologe Walter Burkert, die Komponistin Sofia Gubaidulina, der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, der Komponist György Kurtág, der Krebsforscher Robert Weinberg und der Medizinnobelpreisträger Rolf Zinkernagel mit dem Orden ausgezeichnet. Er wird jedes Jahr von den Ordensmitgliedern verliehen, deren Zahl auf insgesamt 40 Deutsche und ebenso viele Ausländer begrenzt ist. Geistes- und Naturwissenschaftler sowie Künster sind jeweils zu etwa einem Drittel verteten, wobei Frauen ziemlich unterrepräsentiert sind. Auf der jährlichen öffentlichen Sitzung werden die Ehrungen übergeben, die Toten geehrt und ein Ordensmitglied hält einen Vortrag. Weil bei Punkt drei normalerweise die Einnick-Gefahr recht hoch ist, durfte diesmal der Schweizer Molekularbiologe Charles Weissmann sprechen - ein Showtalent. Im gelang es, sein Thema "Prionen, Rinder und transgene Mäuse" so witzig und eingängig zu präsentieren, dass jetzt auch die Künstler des Ordens über die Rolle des PrP-Gens bei der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit mitdiskutieren können.

Gestiftet wurde der Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste 1842 von Friedrich Wilhelm IV. als Friedensklasse der höchsten preußischen Kriegsauszeichnung. Nach der Abschaffung aller Orden und Ehrenzeichen durch die Weimarer Verfassung bestand er als "freie Vereinigung von hervorragenden Gelehrten und Künstlern" weiter. 1935 wurde die Aufnahme neuer Mitglieder verboten. Bundespräsident Theodor Heuss regete 1952 die Wiederbelebung des Ordens an, der seither unter dem Protektorat des jeweiligen Präsidenten steht - Johannes Rau saß in der ersten Reihe. Dass der Orden die "Staatsverbrechen der NS-Zeit unbefleckt überstanden hat", war Hans Magnus Enzensberger besonders wichtig. Er nehme ihn deshalb gerne an, sagte er in seiner Dankesrede. Er ließ zudem anklingen, dass er froh darüber ist, dass ihn Kollegen und nicht der Staat in den erlesenen Zirkel berufen haben. Denn: "Woher weiß der Staat, wer ausgezeichnet ist?" Der anwesende Michael Naumann, dessen Ressort den Preis zwar betreut aber nicht verleiht, wird darüber hinweg gehört haben.

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