Kultur : Von Mann zu Mann

Konzeptuelle Body Art: Der dänische Künstler Henrik Olesen zeigt „6 oder 7 neue Arbeiten“ in der Galerie Klosterfelde

Raimar Stange

In seiner Ausstellung „6 oder 7 neue Arbeiten“ stellt der gebürtige Däne Henrik Olesen mit Wohnsitz in Berlin die brisante „Dreiuneinigkeit“ von Macht, Sexualität und Ökonomie zur Diskussion. Viel zu sehen gibt es in der Galerie Klosterfelde scheinbar nicht: Im ersten Raum liegt nichts als eine schmale zweiteilige weiße Gipsleiste dicht neben der Wand. Die Leiste (12 000 Euro) ist etwa so lang wie der Raum hoch, so bezieht sich der Galerienraum auf sich selbst – und ist damit eine konkrete Metapher auf die eigene Homosexualität des 1967 geborenen Künstlers. Die Arbeit evoziert zudem ein Gefühl des Dazwischen, das in seiner lapidaren Setzung auf eben die „Zwischenstufe“ anspielt, als die der Sexualforscher Magnus Hirschfeld die Liebe von Mann zu Mann Anfang des letzten Jahrhunderts beschrieben hat.

Auch im nächsten Raum herrscht konzentrierte Leere: Wenige Vitrinen mit Collagen des Künstlers warten auf die Besucher, ein Tisch mit archiviertem Material, eine auf dem Boden fixierte Schraube, dazu noch eine paar kleinformatige Papierbögen an der Wand. Der zweite Blick auf dieses so beiläufig wie präzise vorgestellte Material verrät dann, dass Henrik Olesen das im ersten Raum gleichsam leitmotivisch angekündigte Motiv der Homosexualität hier differenzierter und politisch zugespitzt in Szene setzt. Dabei stellt der Künstler einen sensiblen Spannungsbogen her, der die Beziehungen von homophiler Sexualität und politischer Herrschaft, von materiellem Besitz und kultureller Tradition in einem offenen Dialog miteinander setzt. Dazu hat Olesen zum Beispiel eine Liste der reichsten Männer der Welt zusammengestellt und als diskret-indiskrete Information ausgelegt. Daneben sind Recherchen über Justizprozesse gegen schwule Männer nachzulesen. Zum Beispiel wird da die Verhaftung von 50 Männern während einer Bootsfahrt bei Kairo minutiös aufbereitet.

Das vermeintlich weltoffene Tourismusparadies Ägypten erweist sich hier in „Moralfragen“ als überaus rigide und intolerant. Den Präsidenten des Landes, Hosni Mubarak, porträtiert Olesen zudem mit Hilfe einer visuellen Analyse von dessen Körpersprache und verweist mit dieser pseudowissenschaftlichen Ursachenforschung auf den männlichen Umgang mit dem eigenen Körper. In den Vitrinen hat der Künstler schließlich Collagen des Surrealisten Max Ernst einer „künstlerischen Revision“ unterzogen, bei der er etwa die – den männlichen, heterosexuellen Blick sonst so bannenden – Frauenfiguren aus den Blättern mit Hilfe des Computers entfernt hat.

In dieser vielschichtigen Ausstellung ist die Grenze zwischen Dokumentation und ästhetischer Präsentation, zwischen poetischer Unschärfe und engagierter Agitation fließend gehalten. So knüpft der Künstler einerseits geschickt an die Tradition der Concept Art an, die bereits in den sechziger Jahren Techniken wie Archivieren, Informieren und Recherchieren für ihre künstlerische Arbeit genutzt hat, andererseits setzt Henrik Olesen selbstbewusst auf die aufklärerische Kraft unzensierter beziehungsweise umgedeuteter Informationen.

Galerie Klosterfelde, Zimmerstraße 90/91, bis 5. Juli: Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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