Kultur : Von Ulbricht zu Ali

Der Krieg ist noch nicht vorbei, da kommt der junge Kommunist Leonhard aus Moskau nach Berlin. Sein Auftrag: ein neues Deutschland. Eine Spurensuche.

Robert Ide

An dem ovalen Nussbaum-Tisch in Bruchmühle sitzt Walter Ulbricht, um ihn herum hocken seine Getreuen. Sie sind gerade aus Moskau zurückgekehrt in das Land, aus dem sie wegen des Nationalsozialismus hatten fliehen müssen. Sie haben viel vor. Sie wollen in Deutschland eine neue Regierung aufbauen. Walter Ulbricht, der deutsche Kommunist, schaut in die Runde: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“

An dem ovalen Nussbaum-Tisch steht Wolfgang Leonhard, um ihn herum drängeln Fotografen. Er ist 84 Jahre alt, der letzte Überlebende jener neunköpfigen Gruppe, die noch vor Kriegsende in Stalins Auftrag damit beginnen sollte, die Berliner Verwaltung aufzubauen, um den Westalliierten zuvorzukommen. Hier in Bruchmühle, 40 Kilometer östlich von Berlin, wo in den letzten Kriegswochen die politische Verwaltung der Roten Armee saß, bezogen sie ihr erstes Quartier. Leonhard schaut in die Runde: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben“, äfft er Ulbricht nach. 60 Jahre später.

Draußen, an dem Haus, in dem der ovale Tisch steht, erinnert eine Tafel an die letzten Kriegstage. „Hier wohnten und arbeiteten vom 1. bis zum 8. Mai 1945 die Beauftragten des Zentralkomitees der KPD. Unter Leitung von Walter Ulbricht begannen sie noch vor Ende des faschistischen Krieges mit dem Aufbau der antifaschistisch-demokratischen Ordnung in Deutschland.“ Die Buchstaben wurden im Auftrag der örtlichen PDS gerade frisch restauriert, der Text stammt aus dem Jahr 1965 – von den Geschichtsschreibern der SED. Damit niemand auf die Idee kommt, das Schild wieder wegzunehmen, wurde es mit langen Metallstäben in die Außenmauer eingelassen.

Vor der Wende hat die SED regelmäßig Jugendgruppen zu dem kleinen Haus mit seinen zwei triumphalen Säulen an der Vorderfront gelotst, um sie zu lehren, wie der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden seine Wurzeln schlug. In den Jahren nach der Wende ist fast keiner mehr gekommen, um sich das Säulenhaus, wie es die Anwohner nennen, anzuschauen. Wolfgang Leonhard ist jetzt im Auftrag der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur hier. Als er durch den Vorgarten zur Gedenktafel schreitet, klatschen die im Halbkreis versammelten Bürger. Sie bitten um Autogramme. Der Schriftsteller und Dissident Leonhard nimmt das als Bestätigung für sein Jahrhundertleben und lächelt geschmeichelt. Sein Buch „Die Revolution entlässt ihre Kinder“, vor 50 Jahren erschienen, gilt weltweit als Standardwerk über den Kommunismus. Heute ist der alte Herr ein Vortragsreisender in eigener Sache.

Als er am 30. April 1945, vor genau 60 Jahren, aus Moskau hier ankam, war er 24 Jahre alt, ein junger Kommunist, der von einem Deutschland träumte, in dem die Menschen nicht mehr den Nazis hinterherrannten, einem Deutschland, in dem der Grund und Boden den Bauern gehörte, in dem die Arbeiter das Sagen hatten. Wenn er sich heute auf Spurensuche begibt, reist er auch seinen eigenen Träumen hinterher.

In Wien geboren, war Leonhard mit seiner Mutter, einer überzeugten Kommunistin, als 14-Jähriger ins sowjetische Exil gegangen, hatte in Moskau die Schule besucht und war, nachdem mit Kriegsbeginn die deutsche Minderheit in der Sowjetunion nach Kasachstan deportiert wurde, in Karaganda gelandet. Dort studierte er, blieb auch nach der Verhaftung seiner Mutter überzeugter Kommunist und wurde nach dem Studium zurück nach Moskau beordert. Dort arbeitete er beim Radiosender „Freies Deutschland“. Leonhard wohnte mit den anderen Exilkommunisten im Hotel Lux auf der damaligen Gorki-Straße, wo Moskaus Hoffnungsträger einquartiert waren. Während der großen Säuberungen der 30er und 40er Jahre waren viele als vermeintliche Volksfeinde vom Hotel direkt ins Arbeitslager deportiert worden. Die neun jungen Männer, neben Leonhard auch der spätere DDR-Innenminister Karl Maron, die mit Ulbricht nach Deutschland kamen, hatten zwei Mal überlebt: den Nationalsozialismus und den Stalinismus.

„Es ging darum, keine nahe liegenden Fragen zu stellen“, erinnert sich Leonhard. Als man ihm am 29. April 1945 mitteilte, „Du gehörst jetzt zur Gruppe Ulbricht. Morgen fahren wir nach Deutschland“, leerte er schweigend sein Glas Wodka. Am nächsten Morgen stand er mit gepackten Koffern am Hintereingang des Hotels Lux bereit. Wenige Stunden später saß er in einem Flugzeug Richtung Westen. Seine Kameraden zeigten keine Emotionen, „Ulbricht am wenigsten“, und deshalb sagte auch Leonhard auf diesem Flug kein Wort. Für den Weg in das zerstörte Land hatte er 2000 Mark Sondergeld mitbekommen, gedruckt von den westlichen Alliierten. Schnell sollte der junge Funktionär mit dem politischen Sonderausweis der Roten Armee jedoch merken, dass er das Geld nicht brauchte. In Bruchmühle bekam er alles umsonst.

„Hitler muss fallen, damit Deutschland leben kann.“ Diese Worte hatte Leonhard von seiner kleinen Moskauer Radiostation hinein in das Reich gerufen. „Kämpft mit uns für ein freies, unabhängiges Deutschland.“ Nun kam er in das Land, das nicht die Kraft zur Selbstbefreiung von Adolf Hitler gefunden hatte. Ein Land, das dem Vormarsch der Roten Armee wenig entgegen zu setzen hatte, den Plünderungen und Vergewaltigungen, die lange von der Führung der Befreier geduldet wurden. „Glaube keinem Deutschen!“ stand auf den Plakaten, die Leonhard am Wegesrand sah. Erst wenige Tage vor Kriegsende wurden sie durch neue Losungen ausgetauscht: „Die Hitlers kommen und gehen, aber das deutsche Volk bleibt.“ Dieses Volk sollte Leonhard bekehren.

60 Jahre später sitzt er in dem Bus, den die Stiftung für diese sentimentale Reise gemietet hat, sein Blick gleitet über die mit Betonplatten ausgelegte Fernverkehrsstraße, vorbei an Tankstellen, Autohäusern, Möbelmärkten. Im Mai 1945, sagt Leonhard, als er zum ersten Mal nach Berlin fuhr, gab es hier noch keine Autos. Benzin war für die mit roten Sowjetwimpeln geschmückten Limousinen reserviert. Am Straßenrand türmten sich Ruinen, brennende Trümmer fielen auf die Fahrbahn, über dem Alexanderplatz hingen Rauchwolken.

Leonhard wurde von Bruchmühle nach Wilmersdorf gefahren, um dort eine Verwaltung zu installieren, bevor die Westalliierten kamen. Er griff sich den ersten Mann, den er vor der Kommandantur mit einer Krawatte herumstehen sah, fragte ihn über das bürgerliche Milieu aus und ließ sich von ihm zu einem Mann mit Verwaltungserfahrung bringen. Doktor Willenbücher, ein ehemaliger Angehöriger der Deutschen Volkspartei, setzte sich einen Zylinder auf, bevor er von dem sowjetischen Bezirkskommandanten bei einem Glas Wodka zum Bürgermeister ernannt wurde. Das Ganze dauerte nur wenige Stunden. Zum stellvertretenden Bürgermeister wurde ein Kommunist berufen, auch die Dezernenten für Bildung und für Personal waren Kommunisten – und natürlich der für die Polizei. Die wichtigen Dinge blieben in einer Hand. Aber es sah demokratisch aus. So wie Ulbricht es gefordert hatte und bei Versammlungen von Kommunisten, vor allem im Lichtenberger Restaurant Rose, durchpaukte.

Heute ist das Rose ein Döner-Imbiss. Der Besitzer Ali Getin rennt nervös über den Bürgersteig, als Leonhard und sein Tross sich nähern. An sein Ohr hält er ein Handy, in das ruft er türkische Anweisungen hinein. Ali Getin ist 36 Jahre alt. Vor zwei Jahren hat er den Laden mit zwei Spielautomaten und einem Billardraum übernommen, auf jeden Holztisch hat er einen Schultheiss-Bierdeckelhalter und einen Aschenbecher von Stuyvesant gestellt. Ali lebt seit mehr als 20 Jahren in Deutschland. Den Laden hat er gegen eine Abfindung übernommen, da wusste er noch nicht, welche Geschichte darin verborgen liegt. „Für Politik habe ich mich nie interessiert“, sagt Ali. Wolfgang Leonhard schließt ihn in die Arme. „Von Ulbricht zu Ali, das ist deutsche Geschichte“, sagt der Gast. Ali lächelt und klappt sein Handy zu.

1945 wurden im Restaurant Rose Verpflegungspäckchen verteilt mit Wurst, Butter und Alkohol. Die Funktionäre mussten den Empfang jeweils quittieren, so waren sie später besser erpressbar. Auch der Gründungsaufruf der KPD wurde hier verlesen, diskutiert haben sie hier selten. Manchmal drängten 120 Leute in die Kneipe, um Anweisungen für ihre Bezirke entgegenzunehmen. Doch an einem Tag im Mai 1945 kämpften sie alle gegen einen. „Genosse Ulbricht, wir müssen Abtreibungen erlauben“, rief einer. „Genosse Ulbricht, wir müssen uns von den Vergewaltigungen der Russen distanzieren“, ein anderer. Dann schlugen sie Ärzte vor, die Antifaschisten waren und den Frauen helfen wollten, ohne über die Rote Armee zu schimpfen. Doch Ulbricht rief in den Saal, er wolle nichts davon hören: „Jeder der sich jetzt beschwert, hätte sich nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion beschweren sollen.“ Da herrschte Ruhe, die Genossen gingen auseinander, die Parteidisziplin hatte obsiegt. Allerdings nur offiziell. Später kam heraus, dass trotzdem Abtreibungskliniken in Berlin gegründet wurden. Sie trugen unverdächtige Namen: Zentren für Zwangsverkehr.

Die sozialistische Realität stellte sich anders dar als in den Lehrbüchern. Während die Amerikaner Wirtschaftshilfe für den Westen versprachen, transportierten die Sowjets Maschinen aus den Fabriken ab. Die Teilung wurde mehr und mehr zu einer Ahnung, die sich nicht verflüchtigen wollte. In Ostdeutschland wuchs die Unzufriedenheit, und in der Partei das Misstrauen unter den Genossen – gefördert von Ulbricht, dem Apparatschik. Für Leonhard hieß das: Er musste zusehen, wie sich wiederholte, was er schon aus Moskau kannte. Aus Antifaschisten wurden Stalinisten, Parteiverhöre traten an die Stelle von Diskussionen, alt gediente Widerstandskämpfer gerieten in den Verdacht, nicht linientreu genug zu sein.

Leonhard selbst wurde in eine Parteihochschule abgeschoben. Seine Mutter kam zwar aus dem sowjetischen Arbeitslager frei, doch in ihrem Gesicht hatten sich tiefe Spuren der Gefangenschaft eingegraben. Leonhard begann die Jugoslawen und deren Führer Tito zu bewundern, die einen eigenen Weg ohne Stalin suchten und auch mit dem Westen Handel trieben. In der Parteihochschule verteilte er heimlich Titos Reden. Als das rauskam, drohte auch ihm die Verhaftung. Er rief seine Mutter von einer Telefonzelle aus an, sagte die vereinbarte Losung – „Meinen Artikel werde ich heute Abend beendet haben“ – und machte sich auf den Weg in die Welt, die seinen Träumen näher kam. Leonhard wurde von Schmugglern über die Grenze zur Tschechoslowakei gebracht und übernachtete bei Unbekannten in Prag. Er spielte mit seinem Leben, er meinte es ernst. Nach 13 Tagen Flucht kam Wolfgang Leonhard in Belgrad an, auch seine Mutter hatte sich auf anderen Wegen aufgemacht. Am 26. April 1949 verkündete das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ den Parteiausschluss von Wolfgang Leonhard wegen „parteifeindlicher Aktivität“ und „Agententums für die jugoslawische Militärmission“. Kurz darauf siedelte der Dissident in die Bundesrepublik über und schrieb Artikel und Bücher über die Realität des Kommunismus. Er hörte auf, Bier und Schnaps zu trinken, weil er fürchtete, Agenten könnten ihm helles Gift ins Glas kippen.

„Ich bin damals zum Rotwein gewechselt. Das war wenigstens kein Kommunistengetränk“, sagt er, als sein Bus die Berliner Friedrichstraße erreicht. Im Admiralspalast hängen goldene Kronleuchter. Die mit rotem Stoff bezogenen Stühle sind verstaubt, in einem Gang ist der Holzboden aufgebrochen. Der große Festsaal, zu DDR-Zeiten die Bühne des Metropol-Theaters, ist seit sieben Jahren nicht mehr benutzt worden. Wolfgang Leonhard steht an einem provisorisch aufgestellten Rednerpult und erzählt, wie er in diesem funkelnden Saal den letzten großen Auftritt vor seiner Flucht erlebt hat. Es war eine Veranstaltung aus Anlass des 70. Geburtstags des KPD-Vorsitzenden Wilhelm Pieck, das Jahr 1946 war gerade angebrochen. An jenem Abend sprang Otto Grotewohl, bis dahin ein auf Eigenständigkeit bedachter Sozialdemokrat, auf die Bühne, ging auf Pieck zu und reichte ihm die Hand. „Dieser Händedruck ist nicht für heute, sondern für immer“, rief Grotewohl, und nach einem Moment orientierungsloser Stille brandete Beifall auf.

Wolfgang Leonhard saß in der vierten Reihe „gleich an der Tür“ und konnte es nicht fassen. Die Sozialdemokratie, zahlenmäßig schon wieder stärker als die Kommunisten, hatte sich in ein Aktionsbündnis locken lassen: mit neuen Autos für Funktionäre, mit aus der Gefangenschaft entlassenen Vätern, mit Versprechungen und gemeinsamen Festen – und mit Druck, aber auch mit dem vielfachen eigenen Wunsch, dass die Arbeiterklasse nicht mehr gespalten sein darf. Am Ende hatte die Sowjetische Militäradministration noch auf Grotewohl eingeredet; der Inhalt des Gesprächs wurde nie bekannt. Nun war der Händedruck vollzogen, er wurde Symbol der SED. Pieck und Grotewohl wurden in der Folgezeit an den Rand geschoben, und der Kopf der Gruppe Ulbricht wurde der Kopf des halben Deutschlands DDR.

Noch heute blickt Wolfgang Leonhard erstaunt, wenn er die Szene nacherzählt, die das Aus der Nachkriegs-Sozialdemokratie in Ostdeutschland schon vor dem Vereinigungsparteitag mit der KPD besiegelte. Noch einmal breitet Leonhard auf der Bühne die Arme aus, als wolle er die Ränge des Adimiralspalastes begeistern, noch einmal hebt er seine Stimme an, um Grotewohls Worte nachzuschmettern, noch einmal legt er seine rechte Hand in seine linke, um zu zeigen, wie der Händedruck aussah, damals vor fast 60 Jahren. Wenn man Leonhard zusieht, dann merkt man auch unten in Reihe vier des ramponierten Theaters, aus wie vielen Geschichten Geschichte erst entsteht.

Wolfgang Leonhard tritt von der Bühne ab. Er ist sieben Stunden umhergereist, hat geredet und gestikuliert. Er ist ein alter Mann, doch in seinem Kopf sitzt noch jedes Detail, das damals Deutschlands kommunistische Heimkehrer bewegte. Der einstige Getreue und spätere Abtrünnige ist an der letzten Station seiner Busreise angekommen, als er noch einmal Ulbrichts Stimme nachäfft und dabei als Wolfgang Leonhard sagt: „Bekomme ich jetzt einen Rotwein?“

Am ovalen braunen Nussbaumtisch sitzt ein Mann namens Ulrich Ewert, um ihn herum toben drei kleine Kinder. Mit seiner Familie wohnt er hier im Säulenhaus in Bruchmühle. Sie haben sich nicht viel vorgenommen, sie wollen ein einfaches Leben führen zwischen Hollywoodschaukel, Garage und Buddelkasten. Die alten Möbel der Gruppe Ulbricht gehören zu diesem Leben, die Familie hat sie einfach stehen lassen. Beim Essen und Kartenspielen am Nussbaumtisch denkt Ewert manchmal daran, was Deutschland in den letzten 60 Jahren erlebt hat und wie viele Träume von einem demokratischen Neubeginn schon ganz am Anfang zerbrochen sind.

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