Kultur : Von Wassermännern und Betschwestern

„Inanna“ trifft „Inori“: Die Berliner Festwochen gehen mit Andriessen und Stockhausen zu Ende

Uwe Friedrich

Man tut sich ein bisschen schwer, den plot dieser vorletzten Festwochen-Premiere nicht metaphorisch zu verstehen: Enki, der älteste Nöck, den die Welt kennt, planscht in der Halle B der Berliner Schaubühne mächtig im Wasser herum. Denn Enki ist aufgebracht. Seine wissensdurstige Tochter Inanna ist ins Totenreich hinabgestiegen. Das bringt die Weltordnung aus den Fugen – und macht die Zuschauer nicht nur in der ersten Reihe nass.

Der 6000 Jahre alte Mythos der Inanna stammt aus Mesopotamien, dem heutigen Irak. Beim rasanten Mythenverbrauch der Opernkomponisten überrascht es, dass vor dem niederländischen Altmeister Louis Andriessen niemand auf diese Geschichte stieß, die doch alles hat, was die Gattung Oper braucht: Eine starke Frau, Regelverstöße, Rache und Wiederherstellung der Ordnung. Andriessen hat daraus „Inanna“ gemacht, ein Musiktheater, dessen Besetzungsliste zwölf Posten nebst sieben Instrumentalisten aufweist – eine kleine feine Produktion.

Im Mittelpunkt steht Andriessens Muse, die Sängerin Cristina Zavalloni, für die er bereits mehrere Stücke schrieb. Die Sängerin agiert inmitten der Schauspieltruppe ZT Hollandia auf der beinahe leeren Bühne von Ernst Dullemond. Und dort bleiben die Feinheiten der Handlung einigermaßen rätselhaft, denn das Libretto wurde vom Filmemacher Hal Hartley auf Englisch und Sumerisch verfasst. In Ermangelung von Übertiteln bleibt vor allem ein Satz in Erinnerung, zu Deutsch etwa: „Es ist schmerzhaft anzuschauen und schwer zu verstehen.“ Dazu machen ein Saxophonquartett, eine Bassklarinette, eine elektrisch verstärkte Geige und ein Synthesizer ausgesprochen schöne Musik. Spröde zwar, sich archaisch gebend, doch unmittelbar ansprechend und manchmal sogar emotional berührend. Dabei nutzt Andriessen Versatzstücke der Unterhaltungsmusik ebenso wie (sehr traditionsbewusst!) den erzählenden Duktus der frühbarocken Oper. Diese Ästhetik führt zu allerlei tragikomischen Verwicklungen: Umgeben von kopulierenden Paaren etwa stimmt die Unterweltgöttin Ereshkigal einmal einen großen Klagegesang an – „Oh, meine Vagina, sie ist leer.“ Doch niemand erbarmt sich Ereshkigals unbefriedigter Existenz.

Auf die Dauer von anderthalb Stunden freilich weist das urgeschichtliche Drama trotz erstklassiger Ausführung doch einige Durchhänger auf. Auch „Inanna“ ist nicht der große Wurf, denn man sich in diesem Jahr vom Musikprogramm der Festwochen erhofft hatte. Nachdem sich bereits Michel van der Aas Monodrama „One“ als kleinformatiges Liebhaberstück herausgestellt und Param Virs Oper „Ion“ das Publikum gepflegt gelangweilt hatte, ruhten die letzten Hoffnungen auf „Inanna“. Wie die anderen beiden Stücke wurde auch dieses auf dem internationalen Koproduktionsmarkt erworben und erblickte andernorts das Rampenlicht der Welt. Doch diese Einkäufe wollen auf sich gestellt nicht recht zu überzeugen und ergeben auch in der Zusammenschau kein überzeugendes Gesamtbild. Wenn die Säle zudem gähnend leer bleiben, haben die Festwochen ein gravierendes Problem. Bei „Inanna“ aber war’s voll. Doch noch ein gutes Omen zum krisenverdächtigen Schluss?

Wie immer bei Karl Heinz Stockhausen ist alles genau abgezirkelt: Geduldig warten die Musiker, bis die Beter gemessen über die Bühne schreiten, um ihren Platz auf dem Podest über dem Orchester einzunehmen, die Instrumentalisten selbst sind in konzentrischen Ringen angeordnet, um Raumklang und Dynamik optimal nutzen zu können – Stockhausen komponiert eben nicht nur Töne. Alle Ebenen des musikalischen Materials werden von ihm eingefordert und gestaltet, darin bleibt er bis heute dem Credo der seriellen Musik treu. Über 70 Minuten lang entwickelt der deutsche Altmeister in „Inori“ von 1974 aus einem einzigen Gedanken heraus Rhythmus, Klang und Melodie. Beter und Beterin entfalten dazu eine hochkomplexe Choreografie aus 13 Gesten, den verschiedensten Religionen entnommen. Mit einer geradezu beängstigenden Perfektion synchronisieren sie ihre Bewegungen.

„Inori“ ist ein Gesamtkunstwerk, Musik und Theater werden hier nach strengem Plan miteinander verzahnt. Die wenigen Momente, in denen sich Klang oder Gestik lösen, erhalten dadurch eine besondere Faszination. Die Hörer im Haus der Berliner Festspiele erleben diese wohl auch als erlösend: Allzu eintrainiert wirkt doch vieles im Ablauf des Stückes, so etwas wie musikalische Spontanität gibt es nicht, und auch die hätte Stockhausen wohl noch seiner „Formel“ unterworfen. Andererseits entwickelt das Werk gerade durch seine Strenge eine eigenartige Suggestivkraft. Auch wenn die Bezüge zwischen Rhythmus, Tonfolgen, Raumklang und Gesten sich beim einmaligen Hören kaum erschließen: Man spürt, mit welcher Intensität Stockhausen die Zeit formt, und mit welcher Hingabe der Dirigent Peter Eötvös sie realisiert. Ulrich Pollmann

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