Kultur : Vor aller Augen

Forum: „Out of the Forest“ fragt, warum Litauer beim Holocaust weggesehen haben – Kritik und Interview mit den Regisseuren

Hans-Jörg Rother

Die Anwohner hörten die Schüsse. Wegen des unerträglichen Geruchs der Leichenverbrennung musste man in den Siedlungshäusern die Fenster schließen. Beim Kühehüten sah ein Mädchen von einem Hügel, wie Männer, Frauen und Kinder vom Lastkraftwagen stiegen, sich auszogen und in Reihe antraten. Die Toten fielen in eine Grube. Zwei Überlebende erzählen, wie sie durch Zufall dem Tod entkamen. Sie sprechen hebräisch und sind mit den beiden Regisseuren, Limor Pinhasov (31) und Yaron Kaftori Ben Yosef (40), aus Israel nach Litauen zur Todes- und Gedenkstätte von Ponar gekommen, zehn Kilometer westlich von Wilna.

Auf 100000 schätzt man die Zahl der Toten, davon 70000 Juden. Sie wurden aus dem Ghetto von Wilna herangeführt, einer der Durchgangsstationen für Deportationen aus ganz Europa im Baltikum. Die Zahlen sind bekannt, aber die Autoren stellen den zur Tatzeit sehr jungen, noch heute in Ponar lebenden Zeugen unbequeme Fragen: Wer waren die Männer in den grünen Uniformen? Warum hat niemand einen Versuch unternommen, die Opfer zu retten?

Die Kleidung der Toten und ihre goldenen Zahnkronen fanden damals guten Absatz. Vielleicht bedarf es keiner anderen Antwort. Den Erlös vertranken die litauischen Polizisten, danach wurde gemordet. Berichtet wird jedoch von einer Frau, die einem Mädchen auf der Flucht mit Kleidung und dem Hinweis weiterhalf, wo es die Partisanen finden könne. Am litauischen Widerstand in und um Wilna hatten viele jüdische Männer und Frauen Anteil.

Nach den deutschen Befehlsgebern und den Zuschauern aus den Reihen der Wehrmacht fragt der Film nicht. Er hält sich an die letzten Zeugen und an wenige vergilbte Fotos der Opfer.

Heute 16.30 Uhr (Delphi), morgen 17 Uhr (Cinestar 8), 13.2. 17.30 Uhr (Babylon)

In Ihrem Film geht es um ein Vernichtungslager der Nazis in Litauen. Die Deutschen werden kaum erwähnt – ungewöhnlich.

Limor: Der Film behandelt nicht die Schuldfrage, es geht um die Frage, warum Menschen kein Mitleid empfinden, und die ist universell. Wir sind eines Tages durch Tel Aviv gegangen und haben uns gefragt, was würden wir machen, wenn neben unserem Haus Löcher ausgehoben und Menschen erschossen würden? Wir wollten wissen, wie Verantwortung entsteht .

Haben Sie nach dem Film eine Antwort?

Yaron: Als wir mit der Recherche anfingen, haben wir versucht, über Vereine Kontakt mit den Menschen in Ponar aufzunehmen. Aber es gibt keine Gemeinschaftseinrichtungen in Ponar – es gibt keine Gemeinschaft. Vielleicht sagen die Bewohner im Film deshalb so oft auf die Frage, warum sie nicht geholfen haben: Warum haben die Juden sich nicht selbst gewehrt? Es gab so wenig Aufseher.

Die Menschen erzählen von ihrem Leben mit dem Lager mit einer Offenheit, die man so in Deutschland nicht finden würde.

Yaron: Die Leute in Ponar empfinden keine Verantwortung für die Erschießungen – auch nicht dadurch, dass sie für die Mörder gekocht haben oder die Kleider der erschossenen Juden getragen haben. Für manche waren unsere Interviews das erste Mal, dass sie über die Vorfälle geredet haben. Zur Premiere haben wir den litauischen Botschafter eingeladen. Er lehnte es ab zu kommen.

Wie haben die Israelis auf den Film reagiert?

Limor: Es gibt in Israel so viele Filme über den Holocaust. Wir hatten ein bisschen Angst, weil die Juden im Film so wenig Platz einnehmen. Aber die Reaktionen waren gut. Bei uns jüngeren Israelis haben sich die Fragen an den Holocaust einfach verändert.

Die Fragen stellte Kerstin Kohlenberg.

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