Kultur : Vor dem Abriss

Zhang Yangs Familiendrama „Das Badehaus“ im Kino

Hans-Jörg Rother

„Du bist nur gekommen, weil du dachtest, ich wäre tot“, herrscht der Vater Da Ming an, seinen älteren Sohn, als sie nach Er Ming, dem jüngeren, suchen. Der geistig behinderte Er Ming – er hilft seinem Vater begeistert, die Kunden im alten Badehaus mitten in der Pekinger Altstadt zu bedienen – hat dem älteren Bruder eine Zeichnung geschickt, auf der der Vater krank oder schon tot darnieder liegt. Aber so weit ist es noch nicht. Trotzdem lässt Da Ming die Geschäfte in Shenzen ruhen. Nun schaut er wie gebannt dem Leben im Badehaus zu – den Männern, die hier warmes Wasser und Massage und vor allem Geselligkeit suchen, den Spielwütigen, die sich beim Zweikampf von Grillen streiten, dem Ehemann, der Schutz vor seiner wütenden Frau findet, dem gehemmten Burschen, der nur unter der Dusche „O sole mio“ schmettern kann.

„Das Badehaus“, ein Film aus dem einzigen legalen unabhängigen Studio Chinas, nimmt Abschied von der Tradition – und will doch Versöhnung zwischen dem liebenswerten Gestern und der kalten Gegenwart stiften. Also lässt der junge Geschäftsmann, der in der kapitalistisch funktionierenden Sonderwirtschaftszone Shenzen arbeitet, seinen Job eine Zeit lang ruhen, führt das längst zum Abriss bestimmte Badehaus nach dem Tod des Vaters weiter – und bringt es zugleich nicht übers Herz, den debilen Bruder in ein Heim zu stecken. Ein schönes Märchen.

Drei in China aus Film und Theater gut bekannte Darsteller tragen das Vergnügen: Zhu Xu als Meister Liu, Pu Cunxin als der Sohn aus Shenzen und Jiang Wu in der komischen Paraderolle des liebevoll mitleiderrregenden jüngeren Bruders. Doch auch das Beiwerk ist wichtig – die kleinen Geschichten der Badehausgäste, die Schattenboxer am Rande der Gassen, ein von den Anwohnern gestaltetes Abschiedsfest und die nahen, fernen Hochhausfassaden der schönen neuen Welt. Der Film – schon 1999 avancierte „Das Badehaus“ zum Jury- und Publikumsliebling auf den Festivals in Hongkong, Toronto, San Sebastian und Thessaloniki – gleicht einer großen Schachtel, in der mehrere kleine versteckt sind. Die einen belustigen, die anderen stimmen traurig, ganz wie im Leben.

In Berlin, jeweils in untertitelter Originalversion, im Broadway, Cinema Paris, Eiszeit und in den Hackeschen Höfen

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