• Vorschau: All that Jazz: Christian Broecking über New Yorks inoffiziellen Bürgermeister

Kultur : Vorschau: All that Jazz: Christian Broecking über New Yorks inoffiziellen Bürgermeister

Nach "Facing Left" ist "Black Stars" die dritte Blue Note-CD des sechsundzwanzigjährigen Pianisten Jason Moran. Nach seinem viel beachteten Debut mit "Soundtrack To Human Motion" war "Facing Left" fast schon eine Zurücknahme. Durch dreizehn teils schnell, sehr schnell erzählte Geschichten raste die klassische Pianotriobesetzung mit Bass und Schlagzeug, die erste Atempause gönnte sich Moran mit einer einfühlsamen Interpretation von Björks Ballade "Joga" bei Titel drei. Coverversionen von Ellingtons "Lately" und "Wig Wise" nutzte er geschickt vor allem als Improvisationsgrundlage zur Selbstdarstellung, nicht als Anlass für das Wiederkäuen der altbekannten Anekdoten. Jason Moran wurde von Altsaxofonist Greg Osby entdeckt und spielt seit dessen 1997er Album "Further Ado" in seinen Bands. Es hätte "Facing Left" vielleicht auch gut getan, wenn Osby, wie ursprünglich geplant, als Gast eingestiegen wäre. Bei der neuen CD, die von Greg Osby produziert wurde, landet Moran nun eine Sensation. Als Solisten, mit dem er die angestaubten Kategorien gängiger Jazzproduktionen kompetent sprengt, hat er den Saxofonisten Sam Rivers dabei, der in den siebziger Jahren als inoffizieller Bürgermeister New Yorks die Szene bewegte. Vor drei Jahren feierte Sam Rivers seinen 68. Geburtstag im New Yorker Club "Sweet Basil". Beim Geburtstagskonzert spielten damals Steve Coleman, Gary Thomas, Chico Freeman und Greg Osby "Happy Birthday" für den Mann des Loft-Jazz. Osbys gerade erschienene CD "Symbols Of Light (A Solution)" (Blue Note) ist das bisherige Schlüsselwerk dieser Jazzsaison, von CD zu CD, von Produktion zu Produktion qualifiziert sich Osby in jüngster Zeit zum Mastermind der zeitgenössischen amerikanischen Jazzszene. Heute ist der Altsaxofonist Greg Osby im A-Trane angekündigt (Beginn 22 Uhr).

Vor einer Woche wäre John Coltrane 75 Jahre alt geworden, vor zehn Jahren, am 28. September, starb Miles Davis. Ganz zuletzt hatte er die Motherfucker-Pose in bunten Designerklamotten kultiviert.

Dass ausgerechnet sein letztes Album "Doo Bop" (1992) von dem Trompeter Lester Bowie als hippes Alterswerk bezeichnet wurde, ist allein der irritierenden Suche nach Pop und Publikum geschuldet. Knapp ein Jahrzehnt später ist von dieser Soundhalde nichts geblieben, kein Eindruck, kein Gefühl. Unlängst wurde "Doo Bop" in einer "Masters" genannten CD-Serie von Warner Bros. wiederveröffentlicht - Miles Davis, der während der Arbeiten an diesem Album starb, wollte den Sound der Straße und verabschiedete sich mit einem gesampelten Müllhaufen über den einige gebrochene Trompetenlinien kreisen. RadioKultur spendiert dem Meinungsführer der Jazzmoderne heute vier Stunden Sendezeit (20 Uhr 05).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben