Kultur : Vorschau: Schreibwaren

Diese Woche wird ausschließlich dem schönen Geschlecht gehuldigt. Das ist: erstens immer wieder angenehm, bringt: zweitens ordentlich Punkte, und liegt: drittens ganz im Trend, hat doch der Senat einem Womanizer das Frauenressort anvertraut. Die Huldigung im Allgemeinen sieht rosaroten Zeiten entgegen.

Der Rauch ist verflogen, die Schienen rosten, die Baracken drohen zu verfallen. Nur dem Namen hat die Zeit nichts anhaben können. Er ist deutsch und wird überall in Polen verstanden. Fragt man als Deutscher nach "Oswiecim", bekommt man "Auschwitz" zur Antwort. Doch Judith Kuckart nennt den Ort in ihrem neuen Roman "Lenas Liebe" stets O. Lena fährt nach O., um über ein Fußballspiel zu schreiben. Die Schauspielerin hat sich vom Theater zurückgezogen, weil ihre Mutter gestorben ist und in ihrem Kopf eine alte Liebe nicht enden will. O. wird für Lena ein Ort der Verwandlung. Warum es gerade O. sein muss, wird Judith Kuckart sicher heute Abend im Literarischen Colloqium (20 Uhr) von Reinhard Baumgart und Matthias Greffrath gefragt.

Kuckart war noch Schülerin, als mich einige Zeilen von Barbara Frischmuth ansprachen: "Dennoch zieht es sie in die Nähe von Menschen. Am liebsten würde sie mit ihrem nackten Arm an einen anderen nackten Arm streifen. Ein leises Brennen zwischen den Zehen, hervorgerufen durch die Mittelzehenriemen der neuen Sandalen, lässt sie den Schritt immer mehr verlangsamen. Und dann ist da plötzlich ein Lokal." So sieht Wunscherfüllung in der Literatur aus. "Amy oder Die Metamorphose" heißt der Roman. Magisches, Mythisches und Alltägliches verschmilzt Frischmuth in der Sternwieser- und der Demeter-Trilogie miteinander. Ihre weiblichen Figuren sind klug, verständnisvoll, einander schwesterlich verbunden - und trotz aller Kritik am Patriarchat lassen sie die Finger nicht von deren Vertretern.

In Frischmuths neuer Erzählung "Die Entschlüsselung" beugen sich Feministinnen gemeinsam mit einem Wissenschaftler und einem Pfarrer über den Briefwechsel zwischen einer Äbtissin und einem türkischen Derwisch. Barbara Frischmuth ist auch im Buchhändlerkeller eine Grenzgängerin zwischen den Zeiten, Kulturen und Disziplinen (Carmerstraße 1, 24.1., 21 Uhr).

Agnés Desarthe bleibt lieber in der Familie. Sie erzählt leicht, melancholisch und unprätentiös vom Leben jüdischer Familien nach dem Holocaust. Daher kehren in den Büchern der erst 35-jährigen Französin die alten Männer und der Tod wieder. In "Fünf Bilder meiner Frau" befreit sich ein Witwer von der Erinnerung an seine Frau, indem er sie malen lässt. In Desarthes neuem Roman stellt ein alter Mann "Die guten Vorsätze" seiner Nachbarn, einer Kleinfamilie, auf eine harte Probe (Autorenbuchhandlung 28.1., 20 Uhr).

0 Kommentare

Neuester Kommentar