Kultur : Vorschau: Schreibwaren

Björk habe ich bisher für ein illegitimes Kind von Abba gehalten. Nun erfahre ich errötend, sie ist eine ehrbare Isländerin. "There is more than Björk" verspricht nämlich "Island Hoch", das erste Festival mit Literatur, Musik und Film von der Wikingerinsel mit der "blassen, unmündigen Sonne" (Sarah Kirsch).

Ihm dürften die 270 000 Bewohner Islands eine ruhige Woche verdanken. Denn in Berlin geht es rund. Am 100. Geburtstag des Nobelpreisträgers Halldor Laxness, dem eine Ausstellung in den Nordischen Botschaften (Rauchstr. 1) gewidmet ist, eröffnet der isländische Ministerpräsident David Oddsson gemeinsam mit Gerhard Schröder die "Lange Nacht der Dichtung" (Haus der Berliner Festspiele, 23.4., 18 Uhr 30). Nach einer Erinnerung an Laxness lesen Gudbergur Bergsson, Hallgrímur Helgason, Kristín Omarsdóttir und Steinunn Sigurdardóttir gemeinsam mit deutschen Kollegen, darunter Sarah Kirsch.

Oddsson wird es wahrscheinlich nicht bei Grußworten belassen. Er ist nämlich nicht von schlechten isländischen Eltern und daher auch ein Schriftsteller: In "Schöne Tage ohne Gudny", wie die Werke von Laxness und Bergsson erschienen im Steidl Verlag, werden den liebenswerten, nur ein ganz klein wenig einfältigen Figuren alltägliche Ereignisse zu Stolpersteinen oder Verheißungen. Ein sehr landestypischer Schrulligkeitssound durchzieht diese Erzählungen, aus denen Oddsson am 24.4. liest (Magnus-Haus, Am Kupfergraben 7, 17 Uhr). Offenbar hält der Ministerpräsident sein kleines Wahlvolk für ein bisschen absonderlich, nimmt sich selbst aber vorsichtshalber nicht aus. Dieses selbstironisch abgefederte Staunen über den Isländer an und für sich lässt sich dann noch einmal an zwei Abenden im Literarischen Colloquium genießen, wo die Autoren der Langen Nacht einen zweiten Auftritt absolvieren (24. und 25.4., jeweils 20 Uhr). Zu Walpenissen und Parties, Stimmgabelshows und Fisch-Menues, Elfenarchitektur und einigem mehr rufen Sie bitte die Telefonnummer 27 59 20 56 an.

Noch mehr Höhepunkte, weniger ausführlich: Aleksandar Tisma, der große, alte Mann der jugoslawischen Literatur, gibt mit einer Lesung aus seinem Erzählungsband "Ohne einen Schrei" (26.4., 20 Uhr) einen Vorgeschmack auf die Lange Nacht der Akademie am nächsten Tag (nur echt mit der Treppenrede ihres Präsidenten György Konrád, 27.4., 19 Uhr 30), an dem Claudio Magris und Volker Braun vortragen (27.4., 21 Uhr).

Und dann kommt Sergio Pitol (Literarisches Colloquium, 29.4., 20 Uhr). Der Mann ist hierzulande unbekannt, wird es aber nicht bleiben; in Mexiko soll er zu den bedeutenden Autoren gehören. Das glaubt gern, wer "Eheleben" (Wagenbach Verlag) gelesen hat: ein schmaler, bei aller Schnörkellosigkeit raffinierter Roman über eine Ehefrau, die beim dumpfen Knacken des Krabbenbeins eine Erleuchtung überkommt. Doch die Liebhaber, die ihren untreuen Ehemann umbringen sollen, sind ihrer ebenso unwürdig wie dieser. Wiederholt findet sie sich im Krankenhaus wieder, einmal hat sie zwei Finger verloren, und immer ist es der Ehemann, der liebevoll über die Verbände streicht. Ein Frauenschicksal wie bei Flaubert, versehen mit mexikanischem Feuer und amerikanischem Slapstick.

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