Kultur : Vorurteile auf hohem Niveau

Fremde sind nicht an allem Schuld, aber es hilft, daran zu glauben – ein Plädoyer für den Ausländerfeind in uns

Harald Martenstein

Die Gesichter der anderen – im Spiegel der eigenen Klischees: Micheline Pollachs – bis auf die Augenpartie bewusst unscharf gehaltene – Foto-Bilder entnehmen wir dem doppelsinnig betitelten Band „Anschläge gegen rechte Gewalt“, der 2001 im Mainzer Verlag Hermann Schmidt erschienen ist. Die dort gesammelten Plakate entstammen – ebenso wie der auf Seite 31 abgebildete Nicht-Sarottimohr („Toleranz“) – einem Wettbewerb der Alliance Graphique Internationale an den deutschen Hochschulen. Die Auswahl der besten Entwürfe und die erste Präsentation fanden im März 2001 an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst statt.

Jeder Angeklagte, auch der unangenehmste, hat das Recht auf einen Verteidiger. Ich bin in dieser Ausgabe der Pflichtverteidiger des Ausländerfeindes. Ich behaupte nicht seine Unschuld. Ich versuche nur, ihn zu verstehen.

Meine Mandanten, die Ausländerfeinde, sind keine Monster. Sie sind genau wie du und ich. Ich weiß, das wollen Sie nicht hören. Sie finden meine Mandanten ekelhaft. Ja, gib den Leuten ein bisschen Bildung und Wohlstand, und du machst angenehmere Zeitgenossen aus ihnen. Leider funktioniert unser Bildungssystem zurzeit ziemlich schlecht, und unser Sozialstaat wird runtergefahren. Es heißt, die Leute sollen sich selber helfen.

Wissen Sie, wer diese neuen Leitwerte unserer Gesellschaft perfekt verkörpert? Die Eigenverantwortung und den Mut zum Risiko? Es sind die Leute, die irgendwo in Afrika oder Asien aufbrechen in Richtung Deutschland, um hier ihr Glück zu suchen. Sie nehmen ihr Schicksal in die eigene Hand, rufen nicht nach dem Staat, ergreifen die Initiative. Sie riskieren ihr Leben in überfüllten Booten oder in Lastwagen, für eine bessere Zukunft. Jeder von ihnen ist eine Ich-AG, sie sind sozusagen ein Mensch gewordenes FDP-Programm, mutig, ideenreich, dynamisch, die wahren Helden der Marktwirtschaft. Sie halten sich nicht an die Gesetze, die wir, die Starken, zu unserem Schutz gemacht haben.

Ausländerfeindlichkeit ist relativ lange in fast allen Weltgegenden eine normale Sache gewesen. Die Menschen haben alles Fremde und Ungewohnte mit misstrauischen Augen betrachtet, erst recht, wenn es auf zwei Beinen daherkam. Misstrauen schlägt schnell in Feindschaft um. Die Menschen waren fremdenfeindlich nicht etwa, weil sie böse oder aggressiv waren. Sie waren es teils aus Erfahrung, teils, weil eine innere Stimme sie warnte. Fremde, vor allem Fremde, die in größerer Zahl auftauchten, bedeuteten meistens Gefahr. Es waren fremde Heere, fremde Siedler, Missionare eines fremden Glaubens. Fast jeder wollte den Einheimischen etwas wegnehmen, das Land, die Freiheit, den Glauben. Harmlos war eigentlich nur der Händler.

Erst, als der Händler zum Herrscher der Welt wurde und das Gesetz die Schwachen vor den Starken schützte, änderten sich die Dinge. Man sah den Fremden mit neuen Augen, plötzlich war er Arbeitskraft oder Kunde.

Einiges spricht dafür, dass es in der Evolution eine Prämie für die Misstrauischen, Fremdenfeindlichen gab. Vertrauen, Freundlichkeit, Offenheit, dies alles ist ziemlich lange lebensgefährlich gewesen und ist es zum Teil heute noch. Andererseits gab es auch eine Prämie für Neugierde. Je intelligenter ein Lebewesen ist, desto stärker ist es am Neuen interessiert und desto leichter lernt es. Kleine Kinder laufen vor Fremden weg, verstecken sich hinter den Eltern, aber schauen sich die Fremden mit großen Augen genau an. Dieser Zwiespalt macht offenbar unsere Gattung aus – schwankend zwischen der Angst vor dem Fremden und der Faszination durch das Fremde.

Der Philosoph Jean Baudrillard schreibt in „Die Transparenz des Bösen“: „Wir“ – damit meint er die aufgeklärten Europäer – „können nichts Böses mehr sagen. Wir können nurmehr den Diskurs der Menschenrechte anstimmen – fromme Werte, die auf dem aufklärerischen Glauben an die natürliche Attraktion des Guten beruhen. Die Menschenrechte sind die einzige gegenwärtig verfügbare Ideologie.“ Unser Humanismus, auf den wir so stolz sind, wäre also nur eine Ideologie? Eine Idee, die man sich von der Welt macht, weil sie einem in den Kram passt?

Bekanntlich stehen wir, die liberalen Europäer, an unseren Grenzen und weisen die mutigen, eigenverantwortlichen Heerscharen aus Afrika und Asien, die wahren Helden der Marktwirtschaft, streng zurück. Im Extremfall darf von der Schusswaffe Gebrauch gemacht werden. Im Grunde tun wir das Gleiche wie unsere Vorfahren, wenn sie sich mit der Keule vor ihre Höhle stellten, um das erlegte Mammut gegen den Nachbarclan zu verteidigen. Oder wie die Inkas, als sie sich gegen die spanischen Eindringlinge verteidigt haben. Wenn unser Humanismus wirklich mehr wäre als eine Ideologie, wenn wir echte nächstenliebende Christen wären, solidarische Sozialdemokraten oder liberale Liberale, Leute also, die an ihre eigenen Prinzipien zumindest ansatzweise glauben, dann müssten wir diese Fremden zu uns hineinlassen.

Ich bin übrigens auch dagegen. Ich mag meinen Wohlstand wirklich gerne. Ich will nicht, dass es in Berlin so elend aussieht wie in Accra, nicht mal halb so elend soll es aussehen. Ich bin kein Ausländerfeind, aber ich will nicht, dass jeder kommen darf, der möchte.

Wenn meine Mandanten schuldig sind, dann bin ich es auch, und Sie genauso. Wir alle sind, als Wähler und Staatsbürger, für das Abriegeln unserer Grenzen mitverantwortlich, also verantwortlich am Tod all derjenigen, die an unserer Grenze sterben. Wenn es die Grenze nicht gäbe, müssten sie sich nicht irgendwelchen Schlepperbanden ausliefern. Unsere Eigentumswohnungen wären dann allerdings bald so viel wert wie die Eigentumswohnungen in Accra.

Wir sind alle Ausländerfreunde. Wir haben keine Vorurteile. Natürlich möchten die wenigsten von uns, den Liberalen und Aufgeklärten, in einem Viertel leben, in dem es zu viele Ausländer gibt – allein schon wegen der Kinder. Wo die Schulpflicht beginnt, endet die Freundschaft. Wir lassen ganz einfach nicht zu, dass unsere Liberalität durch unsere Lebensumstände in Gefahr gerät. Die meisten meiner Mandanten haben diese Möglichkeit nicht. Wenn wir im Urlaub deutsche Touristen sehen, die auf die jeweiligen Landessitten pfeifen, zum Beispiel, indem sie nackt baden, dann denken wir: „Wie unzivilisiert und rücksichtslos.“ Zu Hause sagen die gleichen Leute vielleicht: „Warum sollen sich Ausländer an deutsche Sitten anpassen? Das ist doch faschistisch.“ Die Gebildeten und Wohlhabenden sind angenehmer im Umgang, bessere Menschen sind sie nicht. Sie sind nur geschmeidiger. Mit Doppelmoral können sie hervorragend umgehen.

Aggressive Abwehrreaktionen gegen das Fremde sind menschlich. Ebenso ist es ganz normal, anderen Leuten die Schuld an der eigenen miesen Lage zu geben. Jeder tut das. Filme und Bücher aber, die versuchen, sich in den Ausländerfeind hineinzuversetzen und ihn mit ein paar menschlichen Zügen zu versehen, haben in den letzten Jahren immer wieder für Skandale gesorgt. Sie heißen zum Beispiel „Oi Warning“ oder „Beruf Neonazi“. Man soll den Ausländerfeind gefälligst dämonisieren. Man soll so tun, als sei er völlig anders als wir.

Ein Tier ohne die geringste Spur von Fremdenfeindlichkeit war die Dronte, ein flugunfähiger, nicht allzu schöner, nicht übermäßig intelligenter, aber mit einem liebenswerten Gemüt versehener Riesenvogel. Sie hatte vor niemandem Angst und war zu jedem freundlich. Was hat es der Dronte gebracht? Sie ist von den Menschen ausgerottet worden. Im Pariser Museum für Naturgeschichte steht noch so eine Dronte, ausgestopft. Sie schaut uns an. Ratlos.

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