Vuvuzela : Kommunizierende Röhren

Für die einen Lärm, für die anderen ein Fest für die Neue Musik: Die Vuvuzela ist unüberhörbarer Teil der Fußballweltmeisterschaft.

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Ein Fan bläst beim Spiel Deutschland - Australien in die Vuvuzela.
Ein Fan bläst beim Spiel Deutschland - Australien in die Vuvuzela.Foto: dpa

Vierteltontrauben in sich überlagernden Metren. Musique pure, polyrhythmisch, Stockhausen nannte es „intuitive Musik“. Figurativ ist sie kein bisschen, diese zweimal 45 Minuten lange kollektive Klangflächenkomposition, sie schwillt vielmehr an und ab, mit minimalistisch sich verschiebender Tonhöhe und suggestiv schwankender Dezibelstärke. Die weltmeisterlichen Vuvuzela-Konzerte sind ein Fest für die Neue Musik. Ihre Glissandi und Sekundakkordcluster entgrenzen das Hören – der Klang wird hier zum Raum: Ligetis „Atmosphères“ als Ein-Ton-Symphonie der Zigtausend. Adorno irrte doch, als er die Regression des Hörens beklagte und feststellte, dass die gute alte Dur-Moll-Tonalität aus unseren wohltemperierten Hirnen einfach nicht wegzukriegen ist: Die Vuvuzela befreit auch all jene vom Zwang der Harmonie, die „Serielle Musik“ für die Bezeichnung einer Klassik-Aboreihe halten.

Das Blasinstrument gehört zur Hauptgruppe 4, zu den Aerophonen, den Luftklingern. Untergruppe Naturtrompeten, Unter-Untergruppe Röhrentrompeten (ohne Mundstück). „Der Wind“, schreiben Erich M. Hornbostel und Curt Sachs in ihrem „Lexicon der Musikinstrumente“ von 1914, „erhält durch Vermittlung der schwingenden Lippen des Bläsers stoßweisen Zutritt zu der in Vibration zu setzenden Luftsäule“, vulgo: Tröööt. Musikethnologen verweisen darauf, dass ein geübter Spieler der zylindrischen, ursprünglich aus Tierhorn oder Bambusholz gefertigten afrikanischen Signaltrompete sehr wohl eine Vielzahl von Tönen zu entlocken versteht. Durch Überblasen, also speziellen Blasdruck samt Lippenspannung, werden die Natur-, sprich: Obertöne zum Klingen gebracht, die Oktave, die Quinte, die Superoktave, die große Terz und so weiter. Und die ganz Gewieften, die die Renaissancetechnik des Clarinspiels beherrschen, der allein mittels Lippenstellung bewerkstelligten Tonhöhenvariation, können gar regelrechte Melodien anstimmen.

Wer hingegen, wie beim Alphorn, dem australischen Didgeridoo oder der israelischen Schophar (Jericho!) die Zirkularatmung zur Anwendung bringt, also die Luft bei gleichzeitiger Nasenatmung durch den Mund strömen lässt, der kann jenen Dauerton auch alleine erzeugen, der schon in der Antike kriegerischen oder kultischen Zwecken diente. Das Horn, in welches der Mensch stößt, ist schon immer ein Instrument höherer Gewalt gewesen.

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