Kultur : Wagnerstadt Berlin: Schlemmertour

Christine Lemke-Matwey

450 000 Mark sind zweifellos ein starkes Argument. Für 450 000 Mark darf man alles, kann man alles, kriegt man (fast) alles: Champagner im Apollo-Saal zum Beispiel; oder kein Programmheft mehr, weil die Staatsoper anlässlich dieses Gala-Benefiz-Konzerts natürlich restlos ausverkauft war; und internationale Sängerstars hautnah, ganz vorne an der Podiumsrampe, wie sie sich die Schweißperlen von der Stirne tupfen (Jane Eaglen), winzige Hustenpastillen einwerfen (Placido Domingo) oder mit reizenden blonden Solo-Cellistinnen flirten (Matti Salminen). 450 000 Mark haben Daniel Barenboim und die Staatskapelle am Freitagabend eingespielt. Auf dem Programm: Richard Wagner (wer sonst in dieser wagnerhalber kannibalisierten Saison Unter den Linden?), der erste Akt seiner "Walküre" sowie Ausschnitte aus der "Götterdämmerung". Eine exhibitionistisch-kulinarische Schlemmertour. Die Karten kosteten bis zu 800 Mark, der Gesamterlös ging an den Freundeskreis des Hauses, zu treuen, verantwortungsvollen Händen.

Die Frage, was hier für wen, wie und warum gesungen und gespielt wurde, sie scheint sich somit zu erübrigen. Domingo zu erleben, ist immer ein Ereignis - nicht zuletzt weil dieser von den Treppenwitzen alternder Tenöre Lichtjahre weiter entfernt ist als so mancher namhafte Berufskollege. Gerade bei seinem Siegfried (den er bislang nur auf CD ausprobiert hat) mochte man das heldische Strahlen vermissen, ein markig-metallenes Wagner-Timbre. Auch mag man sich am phonetischen Deutsch des Mexikaners stören. Domingos Legato-Technik aber ist nach wie vor überwältigend, seine Phrasierung unbestechlich musikalisch. Und natürlich liegt ihm, dem Belcantisten, der Siegmund besser in der Kehle: Die "Wälse!"-Rufe atmeten, kehlig grundiert, allen Eros und allen Schmerz dieser Welt.

Gegen so viel Präsenz taten sich Matti Salminen und Jane Eaglen gleichermaßen schwer: Der Bassist mit rollenden Hunding-Augen, die Sopranistin mit einer ganzen Reihe gellender Spitzentöne (auch im Schlussgesang der Brünnhilde), die freilich die mangelhafte Fokussierung der Stimme, das Ungefähre in Mittellage und Tiefe, kaum vergessen machte. Die Staatskapelle hingegen hatte herrliche Momente, in Siegfrieds Rheinfahrt, in den Soli der "Walküre". Und Daniel Barenboim gab einen bedenklichen Vorgeschmack auf seinen Wagner-Zyklus im Frühjahr: mal Hexenmeister, mal Esoteriker - und immer "unbewusst, höchste Lust".

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