Kultur : Wahlen ohne Wahl

Bernhard Schulz über die Aussichten der Berliner Kulturpolitik

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Was wäre zukunftsweisender für Berlin als die Bereiche Kultur und Wissenschaft, die bei passender Gelegenheit gern als einzige verbliebene Kapitalien der Hauptstadt gepriesen, beim Kampf ums Geld indessen gern beiseitegeschoben werden? Wohl in keinem anderen Bereich ist darum die Person des Amtsinhabers so wichtig: sein – oder ihr – Auftreten, Stil und Überzeugungsvermögen der Öffentlichkeit gegenüber wie dem Regierungskollegium. Der PDS-Intellektuelle Thomas Flierl indessen hat um sich einen Grauschleier verbreitet, der beim Regierenden Kuschelbären Wowereit heftigste Abwehr provoziert. Behält Flierl sein Amt, nur weil er der einzige Ossi des Senats ist? Immerhin geht es darum, die nach wie vor existierenden beiden Teil-Berlins durch eine übergreifende Koalition politisch auszusöhnen, was bei der morgigen Wahl auf die Fortsetzung von Rot-Rot hindeutet. Da mag Alice Ströver noch so mit den Hufen scharren, die den Senat mit kritischen Nachfragen oft genug gelöchert hat, allerdings auch zu Alarmismus neigt. Rot-Grün entfällt als Alternative – und kulturpolitisch umso mehr, als den Grünen die Freie Szene im Zweifel näherliegt als die Baustelle Staatsoper.

Da nun richtet sich die Aufmerksamkeit wieder auf den Regierenden selbst, der sich weder für Kultur noch für Wissenschaft so recht erwärmen kann. Stattdessen lancieren seine Getreuen das Modell, die Kulturzuständigkeit in der Senatskanzlei anzusiedeln. Deren Leiter André Schmitz stammt aus dem Opernmilieu und wüsste die schwierigste Aufgabe der nächsten Zeit, den Fortbestand der drei Opernhäuser, wohl zu managen. Doch wo bleibt da die Wissenschaft? Als einzige Berliner Politgröße, die die Eigenheiten beider Ressorts beherrscht, käme – rein theoretisch – CDU-Frau Monika Grütters in Betracht. Die aber ist gerade erst aus den Niederungen der Landespolitik geflüchtet, mag sie sich, ganz Parteisoldatin, auch pro forma dem CDU-Kandidatenteam eingereiht haben.

Schlimm genug, dass Wowereits Herausforderer Friedbert Pflüger mit seiner Vicky-Leandros-Luftnummer gezeigt hat, dass er geistig immer noch in der hannoverschen Heimat steckt. Er verkennt das Potenzial Berlins genau so, wie er es dem siegessicheren Amtsinhaber vorwirft. Genau darum aber geht es: Kultur und Wissenschaft endlich als Kernaufgaben zu begreifen und Konzepte zu entwickeln, die nicht weiter scheibchenweise den Bund zur Entlastung herbeizwingen, sondern ein selbstbewusstes Profil der Kultur- und Wissensmetropole Berlin definieren. Und dafür braucht es einen selbstbewussten Amtsanwärter. Läuft es dennoch wieder auf den ost-gesicherten Flierl zu, so bleibt nur, ihm den Aufbruch aus seiner Selbstisolation abzufordern. Denn wenngleich Abgeordnetenhauswahlen nicht auf dem Feld der Kultur- und Wissenschaftspolitik entschieden werden, so wird doch dort die Zukunft Berlins verhandelt. Nichts weniger.

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